Das Herzogtum Württemberg
Von finsteren Grafen, neuen Freunden und der außerordentlichen Tapferkeit des württembergischen HeeresEs sind unruhige Zeiten im Heiligen Römischen Reich.
Kaum waren die französischen Ränkespiele der vergangenen Jahre aufgedeckt und der herzogliche Schatzmeister davon überzeugt worden, dass man außenpolitische Entscheidungen nicht ausschließlich nach der Größe der überreichten Goldtruhe treffen könne, erhoben sich bereits neue Feinde wider die Ordnung des Reiches.
Eine finstere Koalition verräterischer Grafen hatte sich zusammengefunden.
Was genau diese Grafen wollten, ist den württembergischen Chronisten bis heute nicht vollständig bekannt.
Vermutlich Macht.
Vielleicht Land.
Möglicherweise waren sie auch einfach Grafen.
Grund genug zur Vorsicht.
Das Reich schlägt zurückDoch diesmal stand Württemberg nicht allein.
Gemeinsam mit den tapferen Streitkräften der
Niederlande und
Preußens zog das Herzogtum aus, um den aufrührerischen Grafen zu zeigen, dass das Reich zwar viele Fürsten, Bischöfe, Herzöge, Grafen, freie Städte und ungefähr dreihundert verschiedene Interessen besitzt – aber gelegentlich dennoch in dieselbe Richtung marschieren kann.
Und der Feldzug war von Erfolg gekrönt.
Festungen fielen.
Feindliche Heere wurden geschlagen.
Banner der Verräter wurden niedergerissen.
Und schließlich fiel auch:
Heidelberg!Württembergische Soldaten betraten die Stadt als Sieger. Der Herzog ließ unverzüglich prüfen, ob Heidelberg möglicherweise dauerhaft zu Württemberg gehören sollte. Die Rechtsgelehrten baten daraufhin um etwas Zeit. Der Herzog gewährte ihnen einen Nachmittag.
Doch wichtiger noch als der Gewinn einzelner Städte waren die Bande, welche auf den Schlachtfeldern geschmiedet wurden.
Mit den
Niederlanden verbindet Württemberg fortan ein festes Bündnis.
Auch das Verhältnis zu
Preußen hat sich erheblich verbessert.
Noch vor wenigen Jahren musste Stuttgart von Preußen verlangen, endlich seiner Verantwortung im Reich gerecht zu werden. Heute dürfen wir feststellen:
Preußen ist erschienen.Der württembergische Hof wertet dies als bedeutenden diplomatischen Fortschritt.
Frankreich versucht es erneutWährend im Reich noch die Siege gefeiert wurden, blickte man jenseits des Rheins offenbar mit zunehmender Sorge auf die neue Eintracht zwischen Württemberg, den Niederlanden und Preußen.
Und so versuchte Frankreich abermals, das Herzogtum auf seine Seite zu ziehen. Diesmal erschien der französische Gesandte nicht allein.
An seiner Seite:
Luxemburg.Der Vasall Frankreichs.
Der herzogliche Hof begrüßte beide Gesandten höflich.
Stühle wurden bereitgestellt.
Wein wurde gereicht.
Der Schatzmeister ließ vorsorglich eine ausreichend große Fläche für etwaige Geldtruhen freiräumen.
Doch zu seiner großen Enttäuschung begann Frankreich diesmal nicht mit Gold.
Es begann mit Worten.
Sehr vielen Worten.
Von der französischen Kunst der ÜberzeugungFrankreich erklärte Württemberg ausführlich, weshalb der Kaiser eigentlich gar kein besonders guter Kaiser sei.
Man berichtete von seinen Fehlern.
Von seinen Versäumnissen.
Von seinen angeblich zweifelhaften Absichten.
Luxemburg nickte.
Frankreich sprach weiter.
Luxemburg nickte erneut.
Der französische Gesandte erklärte schließlich, Württemberg müsse doch erkennen, dass seine Zukunft nicht an der Seite Böhmens, sondern an der Seite Frankreichs liege.
Luxemburg nickte ein drittes Mal.
Das überlieferte Gespräch soll in etwa folgenden Verlauf genommen haben:
Der Herzog hörte sich sämtliche Argumente geduldig an. Anschließend beriet sich der Hof.
Man prüfte die französischen Vorschläge.
Man wog Vorteile und Nachteile gegeneinander ab.
Der Schatzmeister fragte noch einmal nach, ob wirklich
überhaupt kein Gold angeboten worden sei. Dann fiel die Entscheidung:
Nein.Württemberg bleibt dem Kaiser treu.Württemberg will FriedenTrotz aller Spannungen setzte sich Württemberg weiterhin für Neutralität und Frieden ein.
Denn der schwäbische Bauer möchte sein Feld bestellen.
Der Kaufmann möchte Handel treiben.
Der Handwerker möchte seinem Gewerbe nachgehen.
Und der Herzog möchte endlich einmal einen Staatshaushalt erleben, in dem nicht irgendwo das Wort „Kriegskosten“ auftaucht.
Württemberg stimmte daher für den Frieden.
Württemberg warb für Neutralität.
Württemberg wollte keinen Krieg.
Frankreich offenbar schon.
Und so geschah, was Württemberg bis zuletzt zu verhindern versucht hatte:
Frankreich griff zu den Waffen.Damit war die Entscheidung gefallen. Wenn der Kaiser ruft, steht Württemberg bereit.
Nicht französisches Gold.
Nicht französische Worte.
Nicht französische Gesandte.
Und auch kein auffällig häufig nickender Luxemburger werden das Herzogtum von seiner Pflicht gegenüber Kaiser und Reich abbringen.
Die Banner wurden gehisst.
Die Tore geöffnet.
Das Heer versammelt.
Unter dem Jubel des Volkes marschierten die württembergischen Soldaten in den Krieg.
Mutig.
Entschlossen.
Dem Kaiser treu ergeben.
Bereit, Frankreich entgegenzutreten.
Die erste SchlachtÜber die unmittelbar darauf folgenden Ereignisse herrscht in den herzoglichen Chroniken bedauerlicherweise eine gewisse Unübersichtlichkeit.
Fest steht:
Das württembergische Heer traf auf den Feind.
Fest steht ebenfalls:
Es kämpfte ausgesprochen tapfer.
Und fest steht leider auch:
Das württembergische Heer existierte anschließend nicht mehr.
Die Schlacht war kurz. Einige Chronisten vertreten gar die Auffassung, die Anreise habe länger gedauert.
Dennoch weist das herzogliche Kriegsministerium entschieden Behauptungen zurück, wonach es sich hierbei um eine militärische Niederlage gehandelt habe. Vielmehr habe Württemberg eine bislang völlig neuartige Strategie angewandt:
Die vollständige und unverzügliche Bindung des Feindes durch Aufopferung sämtlicher verfügbarer Streitkräfte.Kein einziger Soldat wich zurück!
Hierbei muss allerdings der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass hierzu nach kurzer Zeit auch kaum noch Gelegenheit bestand.
Der Herzog zeigte sich dennoch stolz auf seine Männer. Andere Staaten mögen ihre Armeen über Jahre hinweg vorsichtig einsetzen.
Württemberg hingegen bewies innerhalb
einer einzigen Schlacht, wie weit es zu gehen bereit ist, um Kaiser und Reich zu verteidigen.
Eine Botschaft an FrankreichFrankreich mag versucht haben, Württemberg mit Gold zu locken.
Es hat versucht, Württemberg mit Worten zu überzeugen.
Es hat versucht, Zwietracht zwischen Stuttgart und dem Kaiser zu säen.
Als all dies scheiterte, griff es schließlich zum Schwert.
Doch eines hat Frankreich dabei unterschätzt:
Die treue Württembergs.Unsere erste Armee ist gefallen.
Doch unsere Treue nicht.
Unsere Soldaten sind tot.
Doch unsere Bündnisse leben.
Die Niederlande stehen an unserer Seite.
Die Bande zu Preußen sind enger denn je.
Und über allem steht unsere Treue zu Kaiser und Reich.
Bekanntmachung der herzoglichen KämmereiAufgrund der jüngsten vollständigen und selbstverständlich planmäßigen Abwesenheit des württembergischen Heeres nimmt die herzogliche Kämmerei ab sofort freiwillige Zuwendungen zum Wiederaufbau der Streitkräfte entgegen.Spenden aus den Niederlanden und Preußen werden dankbar angenommen.Kaiserliche Zuwendungen aus Böhmen werden aufgrund der nachweislich außergewöhnlichen württembergischen Kaisertreue bevorzugt bearbeitet.Französisches Gold wird aus Gründen der Staatsräson weiterhin entschieden zurückgewiesen.Es sei denn, es handelt sich um Reparationszahlungen.So verkündet zu Stuttgart, damit Freund und Feind erfahren mögen:
Württemberg wollte den Frieden. Frankreich wollte den Krieg.
Der Kaiser rief.
Württemberg kam.
Württemberg kämpfte.
Württemberg fiel.
Und sobald wieder genügend Männer vorhanden sind, wird Württemberg vermutlich auch wieder kämpfen.Anmerkung des herzoglichen Chronisten: Sollten einzelne der hier geschilderten Ereignisse nach Aussage anderer Fürsten niemals stattgefunden haben, wird auf die wiederholten Verwerfungen des Raum-Zeit-Gefüges verwiesen. Die württembergische Geschichtsschreibung übernimmt hierfür keinerlei Gewähr.
Proximity to power deludes some into believing they wield it.