[CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

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Re: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

Beitragvon Mark » 3. Oktober 2018 10:51

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Friedrich III.

Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von 1440 bis 1493
lebte 1415 bis 1493
Startdatum: 11. November 1444

Jeder von uns hat sich in EU4 schon an eine Partie mit einem Fürsten des Heiligen Römischen Reichs gesetzt und gemerkt, dass sich dieser unübersichtliche politische Flickenteppich anders spielt als eines der üblichen Königreiche. Wenigstens klingen da so einige Namen vertraut, wenn man sich unter den angebotenen Fürstentümern umschaut. Ein Wittelsbacher in Bayern und in der Pfalz, Welfen in Braunschweig und Lüneburg, und in Brandenburg laden bereits die Hohenzollern dazu ein, mit ihnen später einmal Preußen zu gründen. Bei einigen anderen Herrschern klingt das weniger vertraut. Ulkig ist ja schon der Name Albrecht III. Achilles in Ansbach. Aber wer, bitte schön, sind denn Ladislaus Postumus und Janos Hunyadi (Ungarn) oder Jiri z Podebrad (Böhmen)?

Ich habe mich durch die Regionen des HRR geklickt und notiere hier die weltlichen Herrscher, wie sie EU4 im November 1444 anbietet:

Österreich – Friedrich III. von Habsburg
Böhmen – (Regentschaft) Jiri z Podiebrad für Ladislaus Postumus
Ungarn – (Regentschaft) Janos Hunyadi für Ladislaus Postumus
Bayern – Albrecht III. von Wittelsbach
Pfalz – Ludwig IV. von Wittelsbach
Baden – Jakob I. von Zähringen
Württemberg – Ulrich V.
Burgund – Philippe III. de Bourgogne (in Union mit Flandern, Holland und Brabant)
Lothringen – René I. de Valois (in Union mit Provence)
Ansbach – Albrecht II. Achilles von Hohenzollern
Kleve – Adolf von der Mark
Braunschweig – Heinrich IV. Welf
Lüneburg – Otto I. Welf
Anhalt – Georg I. von Askanien
Sachsen – Friedrich II. von Wettin
Brandenburg – Friedrich II. von Hohenzollern
Oldenburg – Christian VI. von Dänemark
Holstein – Adolf VIII. von Schauenburg, der Onkel von Christian VI.
Mecklenburg – Heinrich IV.

Über Kapitel hinweg ist hier von Luxemburger Herrschern wie Karl, Wenzel und Sigismund die Rede gewesen, wie sie in Ungarn und Böhmen regierten. Wo sind die alle hin? – habe ich mich zumindest gefragt. Okay. Vielleicht doch lieber Österreich, dann ist man mit dem Habsburger Friedrich III. wenigstens von Beginn an Kaiser.

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Um es vorneweg zu nehmen: Friedrich III. hatte den Beinamen Reichserzschlafmütze. Ich habe mir eine dicke Biographie über ihn durchgelesen, und egal um welche Krise und Herausforderung es ging, meistens unternahm er: einfach gar nichts. Friedrich III. saß die Probleme innerhalb und außerhalb des Reiches stoisch aus. Und hatte am Ende damit sogar Erfolg, weil er seine Gegner einfach überlebte. Habsburg erlebte seinen europäischen Durchbruch. Mit Friedrich III. historisch zu spielen, hieße, bei einer Partie Österreich einfach fünfzig Jahre durchlaufen zu lassen, ohne die Maus anzufassen. Trotzdem hoffe ich, dass Ihr das Kapitel interessant finden werdet, weil ich darin die ganzen handelnden Akteure um den untätigen Kaiser herum erwähnen werde. Dabei werde ich die Reichsfürsten dieser 50 Jahre unter der Reichserzschlafmütze sortieren: Wer war hier Hecht im Karpfenteich, wer verbündete sich miteinander und wer marschierte gegen wen?

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Bis 1437 war die ganze Sache noch übersichtlich, der Luxemburger Sigismund war Kaiser des HRR sowie König von Ungarn. Jedoch hatte er keinen Sohn, lediglich eine Tochter namens Elisabeth. Sigismund erneuerte das Bündnis zwischen Luxemburgern und Habsburgern, nach dem sich die beiden Dynastien für den Fall der Fälle die gegenseitige Erbfolge zusicherten. Die Sache wurde 1421 durch die Verheiratung von Elisabeth mit dem Oberhaupt der Habsburger, Herzog Albrecht von Österreich, besiegelt. Als Kaiser Sigismund dann 1437 starb, war sein Schwiegersohn der Erbe all seiner Kronen: der des Heiligen Römischen Reiches sowie derer von Ungarn und Böhmen. Dummerweise starb Albrecht II. bereits zwei Jahre später und hinterließ seine Gemahlin Elisabeth als schwangere Witwe. Sie brachte das Kind im Februar 1440 zur Welt, es war ein Junge, den man auf den Namen Ladislaus taufte. Und weil er nach dem Tod seines Vaters das Licht der Welt erblickt hatte, erhielt Ladislaus den Beinamen „Postumus“, der Nachgeborene.

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Das war also der Erbe der ungarischen und böhmischen Kronen, außerdem der neue Herzog von Österreich. König des Heiligen Römischen Reiches wurde er natürlich nicht, denn hier galt das Wahlrecht der Kurfürsten. Aber selbst mit Ungarn, Böhmen und Österreich war das so eine Sache. Ein Säugling konnte vielleicht einen Titel tragen, faktisch regieren musste jemand anders für ihn, ein Regent. Und schon kamen die wenig vertrauten Namen ins Spiel, denn nun schlug die Stunde für die Adeligen und Verwandten im Umfeld des verstorbenen Albrecht.

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Die deutschen Reichsfürsten waren also die ersten, die sich nach Albrechts Tod die Frage stellen mussten, wen sie zu seinem Nachfolger im Heiligen Römischen Reich wählten sollten. Ihr Votum fiel im Februar 1440 auf einen entfernten Cousin des Verstorbenen, dem Habsburger Herzog Friedrich von der Steiermark und Kärnten. Der schien ein guter Kompromiss zu sein: Einerseits dynastische Kontinuität der Habsburger, andererseits ein Wechsel der Dynastie, denn Friedrich gehörte der 1379 gebildeten Linie der Leopoldiner an. Die regierten von Graz und Wiener Neustadt aus und fixierten ihre Interessen reichsabgewandt auf das südliche Ungarn und die nördliche Adria bis nach Venedig. Das sollte nach dem Willen der Kurfürsten gerne so bleiben. Der 25jährige Friedrich III. war erst fünf Jahre zuvor überhaupt erst an seine Regierung in der Steiermark, Kärnten und Krain gekommen. Zum Zeitpunkt seiner Wahl zum römisch-deutschen König war er trotzdem nicht nur der ideell bevorrechtigte Senior des Gesamthauses, er war neuerdings auch Regent von Tirol. Dort war 1439 nämlich Friedrich IV. gestorben, und dessen Sohn Siegmund war mit zwölf Jahren noch zu jung zum Regieren. Die zweite Vormundschaft erhielt Friedrich III. im Monat seiner Königswahl, er war in Österreich der Regent für den kleinen Ladislaus Postumus. Der neue deutsche König hatte also eine gesunde, aber nicht überbordende Machtbasis. So wünschten sich das die Kurfürsten.

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Wie begann die Regierung von Friedrich III. und damit sie Situation, wenn man die Partie in EU4 startet? Mit einem Reichstag, der im Jahre 1442 in Frankfurt abgehalten wurde. Hier versammelten sich die drei Stände des Reiches: Adel, Bürger und Klerus. Eigentlich war die Errungenschaft der vollberechtigten Teilnahme den Bürgern der Freien Reichsstädte in der Goldenen Bulle versagt worden, Karl IV. hatte es mehr mit dem Adel gehalten. Aber mit Duldung der Könige waren die Reichsstädte trotzdem zu den großen Versammlungen gekommen. Bei Friedrich III. waren die Bürger skeptisch, ob er in ihrem Interesse regieren würde. Sie durften eigentlich keine Städtebünde zu ihrer Verteidigung schließen, aber das wollten sie vorsichtshalber ignorieren. Ein überraschendes Bündnisangebot erhielten die Städte ausgerechnet von der Ritterschaft. Die schwäbischen Ritter nämlich, reichsfreie Herren auch sie, waren arm an Besitz und Macht gegenüber den sie umdrängenden Fürsten. Auch sie hatten eine verbotene Vereinigung gegründet. Und wer von den Rittern nicht in den Hofdienst des nächstgelegenen Fürsten treten wollte, der musste auf die Städte zugehen, wo die sonst so verachteten Bürger und „Pfeffersäcke“ das Regiment führten. Aus dem Bund zwischen Rittern und Städten wurde zunächst nichts, aber sie blieb unvergessen. In den Fragen der Steuerbewilligung und des Landfriedens durften die Städte immerhin mitbestimmen. Der leidige Landfrieden und die Organisation seiner Durchsetzung war neben der Kirchenreform nämlich das Hauptthema des Frankfurter Tages.

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Zunächst die Kirchenreform: Dummerweise gab es seit 1439 wieder zwei konkurrierende Päpste. Auf der einen Seite saß Eugen IV. auf dem Heiligen Stuhl. Sein Konkurrent war der vom Basler Konzil eingesetzte Felix V., übrigens der letzte katholische Gegenpapst. Er stammte aus Savoyen: Bevor er das hohe Kirchenamt übernommen hatte, war er selber (unter dem Namen Amadeus VIII.) Herzog von Savoyen gewesen und hatte eine Tante des Burgunders Philippe III. geheiratet. Doch 1434 hatte sich Amadeus dem religiösen Leben zugewendet und das Herzogtum seinem Sohn Ludwig übergeben. Klar also, dass Felix als Gegenpapst von Savoyen und teilweise von Burgund unterstützt wurde. Für Friedrich III. war die Spaltung ärgerlich, weil im Reich so einige Bischofsstühle neu besetzt werden mussten. Welcher Papst sollte die denn nun investieren? Die Personalvorschläge des Basler Konzils jedenfalls waren Friedrich III. grundsätzlich nicht genehm. Was mischten die sich denn in die Politik der Reichskirche ein? Und wer sollte später einmal die Kaiserkrönung für Friedrich III. übernehmen? Das Konzil oder dessen umstrittener Gegenpapst etwa? Nein, das konnte nur ein allgemein anerkannter Papst leisten. Jahrelang ging es in dieser Sache hin und her. Man machte Eugen ordentlich Angst, dass man auch seinen Rivalen bevorzugen könne. Schließlich war Eugen IV. bzw. dessen Nachfolger Nikolaus V. bereit, umfassende Zugeständnisse zu machen: Er erkannte das Basler Konzil an und gab den Reichsfürsten im sogenannten Wiener Konkordat ordentlichen Freiraum bei der Besetzung ihrer Bischofsstühle. Es ging also ausschließlich um Personalpolitik. Was hatte das ganze dann mit der eingangs als so wichtig erwähnten Kirchenreform zu tun? Nichts – Friedrich III. war Realpolitiker, kein Priesterkönig.

Dann ging es als zweites Thema des Reichstags um den Landfrieden im Reich. Die Frage musste dort wieder aufgenommen werden, wo sie durch Albrechts II. plötzlichen Tod liegengeblieben war. Es gab ja noch keine anerkannte allgemeine Justiz, das Recht wurde allzu oft also durch kriegerische Fehden gefunden, es war das Recht des Stärkeren. Die Fürsten erklärten gegenüber Friedrich III. gerne, dass es kein Recht auf Fehde gebe, und bestritten damit von Staats wegen grundsätzlich das Recht auf Selbsthilfe und Blutrache, das sich die alten Adelssippen seit uralter Zeit zuerkannten und damit die Entwicklung einer straffen Staatsgewalt im modernen Sinne so gut wie unmöglich machten. Denn der moderne Staat beruht darauf, dass er das Monopol zur Gewaltausübung besitzt. Der Gedanke der Fürsten bei diesem Verzicht war: Adelsoligarchie ja, Adelsanarchie nein. Sie hatten aber eine Gegenforderung an den Kaiser: Konkret ging es ihnen um die Pfahlbürger. Das waren Untertanen eines Landesherrn, die sich ihren Dienstpflichten zu entziehen suchten, indem sie in die Städte flüchteten und nach damaliger Rechtsauffassung dadurch frei wurden. Nach dem Willen der Fürsten sollte Friedrich III. den Städten das Aufnehmen von Pfahlbürgern unmöglich machen. Wozu also entschied sich der Kaiser? Antwort: zu nichts. Bei den Pfahlbürgern erfolgte keine Änderung, und in der Sache der Fehden gab Friedrich den Fürsten Recht, sie sollten verboten werden. Nur unternahm der Habsburger nichts, die Alternative zu den Fehden zu organisieren. Wenn das Recht nicht durch Krieg, sondern durch Rechtsprechung gefunden werden sollte, musste eine Justiz im Reich etabliert werden. Der Kaiser scheute aber, den Fürsten damit in ihren eigenen Gebieten auf die Füße zu treten. Dann sollte lieber alles bleiben wie bisher. Traurige Sache mit den Fehden, aber sich als Kaiser die Finger verbrennen, wozu? Lief doch bisher auch so. Das war herzlos und auf die Dauer nicht ungefährlich, aber Friedrich III. hatte noch ein halbes Jahrhundert Regierungszeit vor sich und kultivierte den Blick durch die Generationen, nicht den auf die lästige Tagespolitik. In seiner Untätigkeit, ja Faulheit, lag ein Stück staatsmännischer Überlegenheit verborgen. Er hätte als früher Vertreter einer Politik der ruhigen Hand in die Geschichte eingehen können, wenn nicht die unmittelbare Gefahr für das Reich und auch für das Haus Habsburg für alle sichtbar gelauert hätte in Gestalt des Herzogs von Burgund, der Großmacht im Westen des Reiches.

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Philipp III. der Gute

Dem burgundischen Herzog Philippe III. war es - gewissermaßen im Fahrwasser des Hundertjährigen Krieges - gelungen, die Herzogtümer Luxemburg, Limburg und Brabant an sich zu bringen. In EU4 sind sie seine Vasallen bzw. stehen in Personalunion unter Burgund. Der ganze Westen des Reiches drohte unter die Dominanz von Burgund zu fallen. Besonders unangenehm war für Friedrich III., dass Philippe seit einigen Jahren eine Pfandschaft an Luxemburg besaß. Philippe III. von Burgund interessierte sich für die Zustände rechts des Rheins, besonders für Erzbischof Dietrich von Köln, der der burgundischen Expansion beizeiten wehren sollte und sich deshalb mit dem wettinischen Landgrafen Wilhelm III. von Thüringen verband. Zwischen den Häusern Habsburg und Wettin bestanden familiäre Verbindungen, seit Friedrich III. 1440 die Schwester seines Mündels Ladislaus mit dem Markgrafen von Meißen verlobt hatte. Beide Häuser verstanden sich als Gegner der Hussiten in Böhmen, und nun war ein Wettiner mit der Schwester des kleinen böhmischen Königs verbunden, dort somit vorläufig zweiter in der Thronfolge. Außerdem waren die Wettiner im Westen geeignete Bündnispartner. Sie hatten Geldnot und wollten den Burgunder Philippe mit ihrem Anspruch auf das Herzogtum Luxemburg unter Druck setzen. Zumindest soweit, um damit ihre Kassen zu sanieren (in der Tat ließen sie sich von Burgund mit 120.000 Gulden abfinden und Philippe behielt seine Pfandschaft an Luxemburg). Deshalb kam Wilhelm III. von Thüringen mit dem Kölner Erzbischof Dietrich überein, diesen bei seinen Bestrebungen bei einem Ausbau seines Herzogtums Westfalen zu unterstützen, das der Kölner im Sauerland besaß. Wir erinnern uns: Kaiser Friedrich Barbarossa hatte damit den Erzbischof für dessen Kampf gegen Heinrich den Löwen belohnt. Die Gegner des Kölner Erzbischofs waren die Städte in diesem Gebiet, allen voran Soest, und - da Dietrich eine Landbrücke vom Rhein nach Westfalen brauchte - der durch die Lage seiner Länder blockierende Herzog von Kleve, Adolf von der Mark. Dieser wieder war im Konflikt mit den Wettinern, es ging da um eine Urkundenfälschung zur Verhinderung der Wettiner Kurwürde.

Herzog Wilhelm III. von Thüringen warb 14.000 böhmische Kriegsknechte an, die seit den wilden Hussitenkriegen einen legendären Ruf genossen. Bei der Belagerung von Soest genossen diese Söldner allerdings vor allem Wein, jedenfalls vergeigten sie 1447 den Kriegszug, und Wilhelm III. sowie Erzbischof Dietrich hatten das Nachsehen. Philippe von Burgund konnte zufrieden sein mit dem Ergebnis, die rheinischen Kurfürsten waren im Abwärtstrend. Für Friedrich III. war es dagegen nicht gut, er hätte sich lieber mit Ungarn und Böhmen befasst, nun musste der Westen des Reiches gegen Burgund gestützt werden.

Dass der Soester Erfolg ein Labsal für alle freien Reichsstädte war, interessierte Friedrich III. nicht, er misstraute dem republikanischen Charakter der Städte. Kein Wunder, dass er sich nicht einmischte, als in Süddeutschland der Krieg zwischen Fürsten und Städten ausbrach. Dort im Süden gab es die meisten Reichsstädte, in den ehemaligen Herzogtümern Schwaben und Franken der Salier. Aus deren Hausgut waren seit den Tagen Heinrichs IV. diese Städte emporgewachsen. Mitten unter ihnen saß, wie ein Hecht mittig unter Karpfen, Markgraf Albrecht Achilles von Hohenzollern-Ansbach.

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Albrecht II. Achilles

Er war Burggraf von Nürnberg, ein hochfahrender, kriegerischer und politisch kluger Herr, der sich wie alle Fürsten der Umgebung von einem weiteren Wachstum der Reichsstädte und der Existenz des niederen Adels ernsthaft bedroht fühlte und ganz der Mann war, gegen diesen Stand der Dinge militärisch vorzugehen. Die süddeutschen Städte schlossen im Jahre 1446 einen Defensivbund gegen Albrecht Achilles und korrespondierten eifrig mit den Schweizer Eidgenossen, die als Gegner der Habsburger Fürsten ihre natürlichen Verbündeten waren. Die Siege der Eidgenossen gegen die Habsburger in Sempach und Morgaten waren indirekt auch Siege der süddeutschen Reichsstädte gewesen. In Sempach war 1386 übrigens auch Leopold, der Großvater von Friedrich III., zu Tode gekommen. Albrecht Achilles durfte also die Sympathie des Habsburgers voraussetzen, wenn es gegen die Eidgenossen und die Städte ging.

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Der Kaiser hatte noch einen Grund, Achilles zum Losschlagen zu ermuntern: Er wollte in Süddeutschland ein Gegengewicht zu den Wittelsbachern, die über Bayern (Albrecht III.)* und über die Pfalz (Ludwig IV.) herrschten. Sie waren stets mächtig genug, die benachbarten Habsburger Ländereien in Österreich und Tirol zu bedrohen und sogar ihren Blick nach Böhmen zu richten. Außer Achilles konnte dort niemand den Wittelsbachern das Wasser reichen: Weder der Graf Ulrich V. von Württemberg, nicht der Zähringer Markgraf Jakob I. von Baden und auch nicht die Bischöfe von Würzburg und Bamberg, von anderen süddeutschen Potentaten ganz zu schweigen. Nur der Ansbacher Markgraf Albrecht Achilles bot mit seiner Persönlichkeit die Gewähr für eine kraftvolle Gleichgewichtspolitik gegen die Wittelsbacher.

* Bayern war zu dieser Zeit eigentlich dreigeteilt, man spielt das Teilherzogtum München:
Landshut (Heinrich XVI. der Reiche),
München (Albrecht III. der Fromme) als spielbare Fraktion und
Ingolstadt (Ludwig VIII. der Bucklige).

Die eben aufgezählten süddeutschen Fürsten mochten die Reichsstädte auch nicht, sie standen jedoch auch in Konkurrenz zu Albrecht Achilles und seinen Hohenzollern. Deshalb halfen sie ihm nicht, als dieser im Sommer 1449 einen Krieg gegen Nürnberg vom Zaun brach, der beide Seiten in die Niederlage treiben sollte. Achilles hatte korrekt vorhergesehen, dass Friedrich III. nicht auf die Einhaltung des Landfriedens pochen würde, wenn er gegen Nürnberg marschiert. Die Entschlossenheit der Nürnberger, sich zu verteidigen, hatte er dagegen unterschätzt.

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Mehr noch: Mit seinem ungestümen Losschlagen brachte er auch Bewegung in das gespaltene Bayern, das Friedrich III. gemäß dem Grundsatz „divide et impera“ gerne in diesem Zustand belassen hätte. Im Jahre 1450 wurde nach dem Tod Heinrichs XVI. dessen Sohn Ludwig IX. Herzog von Bayern-Landshut, und der kassierte einen Großteil des herrenlosen Bayern-Ingolstadt ein. Es gab in München zwar weiterhin den Teilherzog Albrecht III., der tonangebende Mann in Bayern war von nun an aber Ludwig – in seiner Stärke ebenbürtig dem Habsburger Friedrich.

Bei der Reichsreform war es also nur bei bloßen Absichtserklärungen geblieben, Achilles war ohne Erfolg gegen die Städte marschiert, und die Wittelsbacher in Bayern waren unter Ludwig IX. versammelt. So hatte sich das der untätige Kaiser kaum nicht vorgestellt.

Es gab da noch ein Problem im Westen, das Friedrich III. selber importiert hatte: Im Sommer 1444 überschritt ein fürchterlicher Heerhaufen die Reichsgrenze und verbreitete Angst und Schrecken im Land. Dieses Heer bestand aus Armagnaken-Söldnern, die wegen des Waffenstillstands zwischen Frankreich und England arbeitslos geworden waren. König Charles VII. konnte noch nicht daran denken, die Söldner jetzt gegen Burgund zu schicken. Also wollte die Soldateska rasch aus seinem Land loswerden, weil er wusste, dass es Ärger mit ihnen geben würde.

Für Charles VII. war es ein Wink des Himmels, als ihn ein Brief Friedrichs III. erreichte, in dem der Römische König ihn um militärische Hilfe gegen die Schweizer Eidgenossen bat. Friedrich bat ausdrücklich um die Armagnaken, und zwar auch, weil er es Philippe von Burgund wegen Luxemburg mal so richtig zeigen wollte. Dieses Herzogtum war wie erwähnt in Philipps Pfandschaft, und jeder wusste, dass aus einem dauerhaften Pfand schließlich ein Eigentum werden würde. Genau darauf spekulierte der Burgunder ja auch, er wollte Herzog von Luxemburg werden und eine Landbrücke zwischen seinen geteilten Gebieten schaffen. Dieser Titel aber war das Erbe von Friedrichs Mündel Ladislaus. Und überhaupt: Es konnte ja nicht angehen, dass sich hier zwischen Frankreich und Deutschland ein starkes Mittelreich aufbaute. In dieser Frage waren sich Friedrich III. und Charles VII. einig, daher auch das unkomplizierte Überlassen der mörderischen Söldner. Der Habsburger hatte es persönlich nicht so mit dem Kriegführen und kaufte das Kommando über die Mordtruppe gleich mit ein, Charles VII. betraute seinen Sohn mit dem Befehl über das Heer. Vielleicht konnte man die Einigkeit zwischen Wien und Paris mit einer kleinen Heirat bekräftigen? Es gab Verhandlungen über eine Ehe zwischen Friedrichs Mündel Siegmund von Tirol und einer Tochter des französischen Königs.

Im Kampf gegen die Eidgenossen hatte Friedrich III. nur die Stadt Zürich auf seiner Seite. Da er zu wenige Truppen hatte, verfiel Friedrich auf die Idee mit den Armagnaken. Jedermann wusste, was das für üble Gesellen waren, die er da ins Land holte. Auch der Kaiser war da nicht naiv. Allerdings hatte er nur um 5.000 Mann gebeten, nicht im die 25.000, die von niemand geringerem als dem Dauphin Louis (dem späteren Louis XI.) überführt wurden. Der war ein junger Mann von Anfang zwanzig Jahren, aber bereits als tapfer und klug, aber auch herrschsüchtig und tückisch, bekannt. Es kam wie befürchtet: Die Söldner benahmen sich im Gebiet ihres Auftraggebers Friedrich ebenso undiszipliniert wie im Feindesland. Dauphin Louis konnte nicht anders, als ausgiebig durch die Finger zu sehen. Nahe Basel trafen die Armagnaken dann im August 1444 auf die Schweizer, die sich der Soldateska in Unterzahl entgegenstellt hatten. Ungläubig mussten die Armagnaken im Kampf erkennen, dass die unterlegenen Schweizer sich mit grimmigen Todesmut und taktischem Geschick verteidigten, was die Söldner noch mehr in einen angriffslustigen Blutrausch versetzte. Nur 200 Man von den Schweizern kamen lebend aus dem Gemetzel davon. Und obwohl der Sieg der Armagnaken unzweifelhaft war: Sie hatten ihn mit 4.000 Toten bezahlt – und das war nur ihre eigene Angabe. Der Kriegsruhm war klar auf der Seite der Schweizer. Ganz Europa musste nun ihre militärische Tüchtigkeit zur Kenntnis nehmen, und der erste, der das tat, war der Dauphin Louis. Lieber gegen die schwachen Habsburger als gegen die unbezähmbaren Schweizer, wird er sich gedacht haben. Im Namen Frankreichs schloss er einen Waffenstillstand mit den Eidgenossen und ließ durchblicken, dass er ein Bündnis mit ihnen wünsche.

Das bekam er im Oktober 1444 auch, einen Monat vor Spielbeginn. Wer immer sich an die französische Politik binden wollte, zum Beispiel der Herzog von Savoyen, begann nun beim Dauphin vorzusprechen. Aber nicht einmal Charles VII. war daran interessiert, die französischen Waffen am Oberrhein stehenzulassen, denn damit hätte er Philippe von Burgund und Friedrich III. geradezu gezwungen, gegen ihn zusammenzustehen. Die Freundschaft der Schweizer, selbst wenn auf Dauer möglich, war dagegen kein hinreichendes Mittel. Währenddessen hausten die Armagnaken blutig im Elsass, dem „Garten des Reiches“.

Friedrich III. musste wohl etwas unternehmen und gab dem Drängen seines jüngeren Bruders Albrecht nach. Mit den Burgundern wurde am Oberrhein halbpart vereinbart. Ein schwacher Herrscher wie Friedrich konnte es sich nicht leisten, einen starken Herrscher wie Philippe zum Erbfeind zu haben. Er musste nach allen Seiten offen bleiben, eben weil er weitgehend machtlos war.

Wie aber die Eidgenossen besiegen und den Dauphin mit seinen Söldnern aus dem Elsass werfen? Ein Reichskrieg sollte es richten. Die Erzbischöfe von Trier und Köln waren in Verlegenheit und rieten daher zum Ausgleich. Kurfürst Ludwig IV. von der Pfalz sah sich unmittelbar bedroht und drängte auf schnelle Maßnahmen. Friedrich III. ernannte den Pfälzer zum Reichsfeldherrn und beauftragte seinen Bruder Albrecht, ihn gemeinsam mit Jakob I. von Baden und Ulrich V. von Württemberg zum Oberrhein zu begleiten. Gleichzeitig liefen weiter Verhandlungen mit dem Dauphin, um ihn loszuwerden. Friedrich III. bot ihm an, den Sold für 5.000 Mann zu erstatten, denn mehr habe er im Reich ja gar nicht sehen wollen. Louis sperrte sich, musste aber erkennen, dass er sich nicht behaupten konnte, wenn ihn sein Vater nicht mehr unterstützte. Der Dauphin verhandelte noch einige Monate über günstigere Konditionen für seinen Abzug, das Reichsheer fürchtete er nicht. Die deutschen Fürsten berieten noch immer in Speyer über das Aufstellen der Truppen, da war selbst bis zum Frühjahr 1445 kein Ergebnis in Sicht. Friedrich III. machte in der Sache nämlich keinen Druck, er unternahm schlicht nichts. Sobald ihm weitere Kosten wegen dieser Sache drohten, sollte der Westen des Reiches doch lieber selber sehen, wie er sich behalf. Schließlich führten die beiden Erzbischöfe den Ausgleich in Verhandlungen mit dem Dauphin herbei: Louis musste mit seinen Armagnaken innerhalb von fünf Wochen abrücken. Ihre Verwüstungen wurden aufgerechnet gegen die Leistungen, die Friedrich III. an ihnen gespart hatte. Ein übler Zusammenhang zwischen dessen Rechenhaftigkeit und dem Schaden im Reich.

Der Krieg gegen die Schweiz ging noch weiter bis zum Juni 1446, bis Pfalzgraf Ludwig zwischen Zürich und den anderen Eidgenossen den Frieden vermittelte. Der Bund der Züricher mit Habsburg wurde als verfassungsrechtlich unzulässig erklärt, da unvereinbar mit der Mitgliedschaft im eidgenössischen Bund. Zürich blieb, ohne territoriale Verluste oder der Auferlegung von Kriegsreparationen, dem Bunde erhalten. Das war es also mit Friedrichs Plänen, den Habsburgern wieder Geltung in der Schweiz zu verschaffen oder die alte Stammburg im Aargau zurückzugewinnen.

Das Heft des Handelns übernahmen andere: Gleichzeitig mit dem Marsch des Dauphin war auch eine französische Armee, zu der sich Charles VII. selbst begeben hatte, in Lothringen eingefallen. Nicht nur, um weitere Söldner loszuwerden, sondern auch zur Geltendmachung der Ansprüche Renés von Anjou auf dieses Herzogtum. Dieser René war zuvor von Aragon aus dem Königreich Neapel vertrieben worden, wo die Anjou seit dem Untergang der Staufer geherrscht hatten. Charles VII. suchte René Ersatz an der französischen Ostgrenze in Richtung Rhein und hatte auch keine Hemmungen, von der Stadt Metz und von ihrem Bischof den Untertaneneid auf sich zu verlangen. Der französische König überging dabei, dass es sich hierbei um Träger eines Reichslehens handelte. Bei den deutschen Reichsfürsten blieb das nicht ohne Wirkung, offenbar wollten sich die Franzosen an den Rhein drängen. Die Pfalz rief gar zum Reichskrieg gegen sie. Friedrich III. unternahm – nichts. Und so kommt es, dass eine Partie im Jahre 1444 mit Neapel als Juniorpartner von Aragon beginnt, während René von Anjou über Lothringen herrscht.

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René der Gute

Reichsreform und Konkordat, Armagnaken und Städtekriege, das waren die Themen großer Politik. Doch Friedrich III. beschränkte sich auf Aktivitäten in seinen Erblanden, das Haus Habsburg war selbst uneins. Sein Mündel Siegmund von Tirol hätte schon im Jahre 1443 für volljährig erklärt werden müssen, aber Friedrich behielt ihn gegen sein Versprechen weiter bei sich in der Steiermark und nötigte ihm weitere sechs Jahre der Vormundschaft ab. Der Kaiser tat mit ihm, wie es ihm selbst in seiner Jugend unter seinem Onkel Friedrich IV. „mit der leeren Tasche“ widerfahren war. So wie der Onkel damals argumentiert hatte, er müsse den Habsburger Besitz gegen den übermächtigen Kaiser Sigismund zusammenhalten, gab Friedrich III. nun zu bedenken, dass der Krieg mit der Schweiz keine unerfahrene Regierung in Tirol zuließ. Da Friedrich III. seinen Bruder Albrecht zum Regenten der Vorlande eingesetzt hatte, konnte man ihm sogar nachsagen, er spiele seine Verwandten gegeneinander aus. Doch irgendwie musste auch Albrecht abgefunden werden.

Aber die Stände in Tirol wollten partout ihren Siegmund haben und verlangten die Herausgabe seiner Person sowie seines Vermögens. Der Kaiser gab sich gewohnt unbeeindruckt und nahm Siegmund nun sogar mit nach Wien. Dort zwang er den jungen Mann zur Überschreibung seiner Gläubigereigenschaft an einigen österreichischen Besitzungen, die Albrecht II. einst Friedrich „mit der leeren Tasche“ verpfändet hatte. Die Tiroler Stände waren nicht so leicht mit Verträgen einzufangen wie der unerfahrene Siegmund, und entschlossen sich zum Handeln. Sie erklärten die verlängerte Regentschaft für unannehmbar und besetzten das ganze Land solange, bis der Kaiser schließlich doch den jungen Mann auslieferte. Baden und Ansbach hatten sich vermittelnd eingeschaltet und einen Kompromiss ausgehandelt, und der kam Siegmund teuer genug zu stehen. Siegmund wurde 1446 als Herzog eingesetzt und musste versprechen, in seiner Politik den Vorgaben des Habsburger Oberhaupts zu folgen. Für diese verkappte Regentschaft musste er auch noch teures Geld bezahlen, sowohl an Friedrich III. als auch an dessen Bruder Albrecht. Für Siegmund von Tirol blieb das eine prägende Erfahrung, er wurde ein haltloser Mensch mit verkniffener Mine, der später ein Schürzenjäger und Verschwender vor dem Herrn werden sollte. Sein Beiname „der Münzreiche“ rührte nicht daher, dass Siegmund solche Reichtümer anhäufte. Er war in seiner Grafschaft Tirol einfach nur mit den ergiebigen Goldminen gesegnet, aus denen er reichlich Münzen prägen ließ – die er ebenso reichlich ausgab.

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Tirol gehörte also gar nicht Friedrich III., Paradox hat konsequenterweise aber entschieden, ihm die Grafschaft zuzuschlagen, weil er de facto hier das Sagen hatte. Ebenso sieht es mit dem Sundgau aus, dem einzelnen Flecken Habsburgs im Westen. Dieses Gebiet gehörte Friedrichs Bruder Albrecht, aber der war auf seine Hilfe angewiesen. Alleine konnte Albrecht nichts gegen Philippe von Burgund ausrichten, der eigene Ansprüche auf Sundgau anmeldete. Friedrich III. half sich mit dem Aufbau einer territorialen Gegenstellung, die quer lag zur burgundischen Expansion: Er argumentierte, die Reichslehen Brabant, Seeland, Hennegau und Holland seien von vorherigen Fürsten nicht ordnungsgemäß zu Lehen genommen worden, weshalb er sie an seinen Bruder vergab. Philippe war diese Erbsenzählerei zu doof. Was sollte er sich mit kleinlichen Rechtsdiskussionen über den Erwerb von Quadratkilometern mühen, wo er doch mächtig genug war, um als König im Reich aufzutreten. Denn das war das eigentliche Streben des Burgunders: Er wollte von Friedrich III. als König anerkannt werden und bot ihm dafür ein Bündnis an. Für den Kaiser war das verhandelbar, wie üblich drehten sich die Gespräche über die Konditionen denkbarer gegenseitiger Ehen zwischen Burgund und Österreich. Diese Verhandlungen wurden jedoch so kompliziert in die Breite geschlagen, dass Friedrich III. das Gefühl bekam, die Pfandschaft über Luxemburg würde in Philipps Händen verbleiben. Luxemburg endgültig bei Burgund zu lassen, das war dem Habsburger zu teuer für ein Bündnis. Er ließ die Verhandlungen auflaufen.

Damit blieb auch die Angelegenheit mit dem Sundgau ungelöst. Die Ansprüche Philipps schrieben sich her von der Ehe Katharinas von Burgund mit Herzog Leopold IV. von Österreich, einem Sohn des Unterlegenen von Sempach, und dagegen waren die Habsburger ohne Argumente. Friedrich musste mit Burgund ein Abkommen schließen und Albrecht anweisen, den Sundgau von Philippe zu Lehen zu nehmen. Im Jahre 1448 bemächtigte sich Burgund dann auch des verpfändeten Luxemburgs, was Friedrich beim Abschluss des Abkommens vorausgeahnt haben dürfte. Philippe war der Sieger im Westen geblieben.

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Dann werfen wir mal den Blick Richtung Osten, vielleicht lief es hier ja besser. Okay, ist nur sarkastisch gemeint. Friedrich III. hatte hier nichts als potentielle und aktive Gegner auf der politischen Landkarte. Und wenn er sie in Italien nicht hatte, dann nur deshalb, weil er von vornherein darauf verzichtet hatte, als Römischer Kaiser hier auch nur den bescheidensten Einfluss auszuüben. In Ungarn erkannte Friedrich im Oktober 1450 den Hunyadi Johann (Janos) als ungarischen Reichsverweser an, obwohl er sich darüber im Klaren gewesen sein muss, dass Hunyadi nun alles unternehmen würde, um seine Macht gegenüber dem minderjährigen König Ladislaus noch weiter auszubauen, wie es ihm ja auch vorher nicht hatte verwehrt werden können.

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Immerhin akzeptierten Hunyadi und die anderen Magnaten, dass Ladislaus sich nicht in Ungarn aufzuhalten hatte, sondern in Wien bleiben durfte. In Böhmen war die Situation nicht anders, auch wenn das Land nicht die innere Geschlossenheit Ungarns hatte, sondern in Katholiken und Utraquisten-Hussiten gespalten war. Die Böhmen verlangten, dass sich Ladislaus als ihr König in Prag aufhalten müsse. Friedrich III. begegnete ihnen mit der üblichen Laberei, um Zeit zu schinden: Es müsse ein Bevollmächtigter geschickt werden, um die politische Lage zu sondieren. Dieser Bevollmächtigte war niemand anderes als Aeneas Sylvius, der es mittlerweile mit Friedrichs Unterstützung zum Bischof von Triest gebracht hatte, ab 1450 war er Bischof von Siena.

Aeneas Sylvius hatte die Instruktion, die Auslieferung des Ladislaus nicht einzuräumen, und er erkannte bald, dass die böhmischen Herren auf diese Forderung nicht den Wert legten, den sie ihr ansonsten lauthals beimaßen. Die Böhmen waren nämlich nicht scharf auf die deutschen Berater, die Ladislaus in diesem Fall mit nach Prag begleitet hätten. Da wollten die böhmischen Magnaten doch lieber ohne lästige Beaufsichtigung ihre Interessen verfolgen, nicht anders als die ungarischen Adeligen. Eines war in Böhmen aber anders als in Ungarn: In Prag gab es neben den Katholiken die Utraquisten, die mit Rom über Kreuz lagen. Okay, die Zeit der militärischen Konflikte während der Hussitenkriege war vorbei, aber politisch war die Sache noch lange nicht befriedet. Die Utraquisten debattierten gerne über die Enteignung der katholischen Kirche im Lande, und die Angst davor machte die böhmischen Katholiken handzahm. Es war also kein Wunder, dass der Anführer der Utraquisten der mächtigste Mann in Böhmen war. Sein Name war Georg Podiebrad - Jiri z Podebrad. Wie bei Hunyadi rang sich Friedrich III. auch Podiebrad gegenüber dazu durch, diesen als Gubernator Böhmens offiziell anzuerkennen.

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Jiri z Podebrad

Jetzt haben wir einige Namen bereits kennengelernt. Mit den Herrschern von Burgund, Ungarn und Böhmen sind es bereits drei, die von härterem Kaliber sind als unser Kaiser Friedrich. Er hatte nicht nur die Stände Ungarns und Böhmens nicht im Griff, selbst in Österreich war der Habsburger nicht unangefochten. Der Streit entzündete sich daran, dass Friedrich seinen Mündel Ladislaus von Wien in die Steiermark schaffte, wo Friedrich noch am meisten anerkannt wurde. Die empörte Opposition in Wien sammelte sich um die Person des Ulrich Eizinger, der ein österreichischer Podiebrad bzw. Hunyadi werden wollte. Der Unmut des heimischen Adels schwelte eigentlich wegen Friedrichs Eigenart, sich Besitzungen und Gelder zusammenzuraffen, und gleichzeitig nichts gegen das räuberische Treiben bewaffneter Banden im Lande zu unternehmen. Der Kaiser hatte es den Ungarn und Böhmen verweigert, ihnen Ladislaus auszuliefern, das galt erst recht gegenüber den Ständen daheim. Friedrich versuchte nach bewährter Manier, Zeit zu gewinnen und einen Hoftag der österreichischen Stände zu verhindern. Die traten trotzdem zusammen und wählten Eizinger zu ihrem obersten Landeshauptmann, zwölf Verweser entgegen Friedrichs Geschmack traten ihm zur Seite. Das war die offene Rebellion. Friedrich reagierte darauf mit Schulterzucken, er wollte sich lieber um seinen Zug nach Rom kümmern, wo er sich vom Papst zum Kaiser krönen lassen wollte. Die Sache daheim wurde aber gefährlich, denn Eizinger erhielt Unterstützung von Hunyadi (der Ladislaus in Wien sehen wollte) sowie von Ulrich von Rosenberg, dem Anführer der böhmischen Katholiken (die Friedrich mit seinem Deal mit Podiebrad vergrätzt hatte). Auf dem Turm der Wiener Stephanskirche wehten die Banner von Böhmen, Mähren, Österreich und Ungarn. Was fehlte noch zu Friedrichs Erniedrigung?

Unverdrossen hielt sich Friedrich III. zu dieser Zeit in Italien auf, wo vor der römischen Krönung zwei Sachen zu regeln waren. Erstens hatte sich in Mailand der Söldnerführer Francesco „Sforza“ Attendolo an die Macht gebracht, nachdem 1450 die Dynastie der Visconti ausgestorben war. Der Sforza war sehr daran interessiert, vom Kaiser anerkannt zu werden und war bereit, dafür auch gut zu bezahlen. Das Geld strich Friedrich III. gerne ein, um Mailand selbst machte er einen großen Bogen. Allzu offensichtlich wollte er den Emporkömmling dann doch nicht anerkennen.

Zweitens galt es, für den Kaiser eine geeignete Ehefrau zu finden. Es wurde so manche Kandidatin erwogen und verworfen, Friedrich wollte sich mit einer Ehe politisch nicht zu eindeutig auf ein Lager festlegen lassen. Ein Vorschlag des Burgunders Philippe wurde dann angenommen: Die Verschwägerung der Häuser Burgund und Habsburg auf dem Umweg über das portugiesische Königshaus, das den Burgundern aus alter Tradition nahestand. Der portugiesische König Alfons hatte drei Schwestern, von denen eine mit Philippe von Burgund verheiratet war. Die zweite Schwester hatte den schwachsinnigen Enrique IV. von Kastilien (auch so ein 0-0-0-Herrscher in EU4) heiraten müssen. Die dritte Schwester namens Eleonora war für Friedrich ausersehen. Die 14jährige Prinzessin war zwar mit dem Burgunderherzog verwandt, bedeutete aber keine Festlegung auf dessen Politik, konkreter: auf dessen Wunsch nach der Königskrone, und als Königstochter war sie Friedrichs Rang ebenbürtig. Dazu war Eleonoras Mutter aus Aragon, dem Gegenspieler Frankreichs, wenn es um den Einfluss auf den Handelsknotenpunkt Genua im Mittelmeer ging. Zugleich war Aragon mit den französischen Anjou über Kreuz, seitdem sie ihr Königreich Neapel als Juniorpartner in eine Personalunion genommen hatten. Die Anjou hatten danach die Visconti in Mailand beerben wollen, aber dort war ihnen der Sforza zuvorgekommen. Nicht zuletzt stand Aragon mit Venedig auf gutem Fuß, und das war ein direkter Nachbar von Österreich, Friedrich erhoffte sich da wohl eine politisch ruhigere Beziehung. So schloss sich der Ring politischer Interessen rund um das westliche Mittelmeer, der Friedrichs Eheprojekt mit Eleonore trug. Unbehaglich war es Papst Nikolaus bei dem Gedanken an diese Verbindung zwischen dem Kaiser und Aragon-Neapel, das klang ihm nach der alten Geschichte der Staufer, die den Kirchenstaat damals auch in die Klammer genommen hatten. Aeneas Sylvius beschwichtigte den Papst mit Erfolg, Friedrich III. war wohl harmloser als seinerzeit die energischen Staufer. Im Dezember 1450 war in Neapel der Heiratsvertrag unterschriftsreif, Eleonore bekam eine Mitgift von 50.000 Gulden und eine Rente von 7.000 Gulden zugesprochen, aufzubringen aus den Einnahmen in Istrien.

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Die Braut konnte abgeholt werden in Portugal, um sie nach Rom zu bringen, wo sie Friedrich kennenlernen, heiraten und mit ihm gemeinsam zu Kaiser und Kaiserin gekrönt werden sollte. In Portugal gab es ein peinliches Missverständnis: Hier erwartete man eine prachtvolle Delegation, immerhin ließ ein Kaiser seine Braut holen. Friedrich hatte seine Gesandten aber so ärmlich ausgestattet, dass man sie dort für streunendes Gesindel hielt und zunächst einkerkerte. Erst als sich das Missverständnis aufklärte, stellte König Alfons sie seiner Schwester vor. Bei der Überfahrt war die See so stürmisch und mit Piraten verseucht, dass man mit der Prinzessin lieber schon in der Toskana an Land ging. Eine heikle Entscheidung, denn hier tobte gerade ein Krieg zwischen Alfons von Aragon-Neapel im Bund mit Venedig gegen Florenz und Mailand, das nun von Frankreich unterstützt wurde. Der unentbehrliche Sylvius musste herbeieilen, um Eleonora sicher über Pisa nach Siena zu geleiten. Hier traf sie zum ersten Mal auf Friedrich, und der zeigte entgegen seiner Natur tatsächlich Regung: Das bildhübsche Mädchen rührte sein Herz. Am 16. März 1452 wurden die beiden in Rom vom Papst gekrönt. Friedrich III. war der letzte Kaiser, der den Weg in den Petersdom antreten sollte.

Die eigentliche Feier fand in Neapel am Hof von König Alfons, dem Bruder der Braut, statt. Auf dem Rückweg nach Hause musste Friedrich III. dann doch noch etwas Politik machen. Neben Florenz war Ferrara Station, wo er herzlich empfangen wurde. Kein Wunder, der Kaiser erhob den Markgrafen Borso von Este zum Herzog von Modena. Wahrscheinlich war das anschauliche Territorium von Modena und Ferrara zusammen dem Papst als Puffer zwischen Kirchenstaat, Venedig und Mailand willkommen. Kostenlos war diese Rangerhöhung nicht zu haben gewesen, die Italiener bemerkten mit Befremden, wie geizig der Habsburger war. In Venedig wurde Friedrich ebenfalls aufwendig empfangen, obwohl Venedig sich den deutschen Herrschern gegenüber sonst immer spröde gezeigt hatte. Man konnte sich die Herzlichkeit wegen Friedrichs erwiesener politischer Harmlosigkeit leisten. Aber als er dem Dogen empfahl, doch mit Mailand und Florenz lieber Frieden zu halten, da hatte er seine Grenzen überschritten. Die Venezianer antworteten frostig, einen Kaiser dürfe man nicht anlügen, und daher sagten sie ihm offen, was sie vorhätten – nämlich gerade den abgeratenen Krieg. Da zeigte sich schneller als gedacht, wie wertlos Friedrichs Bündnis mit Neapel war: Der Kaiser hatte noch nicht Wien erreicht, da erklärte Venedig den Mailändern den Krieg, Florenz fiel in Neapel ein, und Frankreich marschierte gemeinsam mit dem Lothringer René von Anjou (der sein Königreich Neapel zurückhaben wollte) in die Lombardei ein. Weder an den Kriegshandlungen hatte Friedrich III. einen Anteil, noch an dem Friedensvertrag, der 1454 geschlossen wurde und der italienischen Halbinsel 40 Jahre Ruhe bescherte.

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Das war er also gewesen, der Italienzug des Habsburgers. Vom Furor eines Barbarossa oder dem anerkannten Richterspruch eines Heinrich III. war nichts mehr vom Glanz der Kaiser geblieben. Die Italiener belächelten diesen Habsburger Friedrich. Er hatte sie, die seit 200 Jahren machten, was sie wollten, mit Samthandschuhen angefasst (sonst hätten sie ihn auch nicht gefeiert). Politisch harmlos, bescheiden sogar sein Krönungsmantel und das angebliche Krönungsschwert Karls des Großen ein Witz: Unübersehbar darauf die Gravur des böhmischen Löwen, es musste also aus luxemburgischer Zeit stammen. Papst Nikolaus hatte dem Kaiser aus Anlass der Krönung huldvoll erlaubt, seine Länder zu mehren, aber das war ja geradezu lächerlich zu nennen. Friedrich interessierten sowieso andere Konzessionen finanzieller Natur, wie etwa die päpstliche Bewilligung, von den geistlichen Fürsten des Reiches für den Krieg gegen die Ungläubigen den Zehnten zu erheben. Viel zu bieten hatte auch der Papst nicht mehr, die „Gefangenschaft“ in Avignon und das lange Schisma hatte auch diesem Amt geschadet. Die Macht des Papsttums war zwar immer noch nicht zu unterschätzen, die kraftvollen Höhen eines Innozenz III. und Gregor IX. waren aber vorbei. Die beiden Träger der universalen Herrscherkronen der Christenheit, Papst und Kaiser, nickten sich in diesem Jahr 1452 in Rom gewissermaßen noch einmal greisenhaft zu.

Die Macht auf der italienischen Halbinsel lag jetzt woanders: In Mailand, Venedig, Florenz, dem Kirchenstaat und Neapel gleichermaßen. Es waren fünf ungefähr gleichstarke Mächte, die einen Zustand bildeten, den man als erstes Beispiel einer Gleichgewichtspolitik bezeichnen kann. Solange diese zum Frieden entschlossen waren, und solange vor allem die raumfremde Macht nicht wieder etwas gegen den Verlust von Neapel unternahm, war das italienische System ausgeglichen. Es ist nur so, dass EU4 für Frankreich noch die Mission „Italienische Ambitionen“ bereithält....

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Unberührt von den Kriegshandlungen in Italien traf Kaiser Friedrich mit seiner Braut Eleonore in Wiener Neustadt ein. Die junge Portugiesin im Teenageralter dürfte bald gemerkt haben, dass ihr 37jähriger Gatte ein echter Langweiler war. Keine Feste, dröges Essen wegen seiner Magenbeschwerden - Friedrich war ein Stubenhocker, der sich mit Vorliebe dem Studieren von Edelsteinen hingab. Da war er ein wahrer Kenner. Auch die Alchemie, das Handlesen und die Astrologie hatten es ihm angetan. Friedrich wollte wissen, was „die Welt in ihrem Innersten zusammenhält“, wenn man das hier so ausdrücken kann. Aus dem Interesse rührte wohl auch sein Kürzel AEIOU, das er auf allerlei persönliche Gegenstände anbrachte. Die Exegeten haben über 300 Deutungen zusammengebracht, was es mit diesem geheimnisvollen Kürzel auf sich hatte. Die bekannteste darunter ist eindeutig „Austria Est Imperare Orbi Universo“ - Alles Erdreich ist Österreich untertan. Wenn Friedrich dann ausnahmsweise doch einmal vor die Tür ging, verzichtete er darauf, standesgemäß im Sattel auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen. Friedrich bevorzugte das Reisen in der Kutsche, was so manchen irritierte. Höflicher ausgedrückt, war dem Habsburger das Maßhalten eine Tugend. Ruhm, Ehre und Ritterlichkeit bedeuteten ihm nicht viel.

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Eleonore dagegen war temperamentvoll und lebenslustig, zum Beispiel tanzte sie gerne. Friedrich hielt von solcher Lustbarkeit nichts, er wollte lieber fieberkrank werden, als seinen Leib zu betörenden Klängen zu verrenken. Eleonore dürfte sich in Wien kaum heimisch gefühlt haben, es war oft kalt und sie sprach kein Deutsch. Ihre einzige Vertraute aus Portugal, eine Hausdame, die sie nach Wien begleitet hatte, starb schon bald. Eleonore ging die Gemütlichkeit ihres Mannes ziemlich auf den Wecker, besonders regte sie auf, wie die Untertanen oft mit ihm umsprangen. Friedrich gab sich dann meistens mit einem seiner hausbackenen Sprüche zufrieden, und die Angelegenheit war für ihn erledigt. Der Reisewagen Eleonores wurde auf dem Rückweg von einer Andacht in der Nähe von Wiener Neustadt überfallen, und sie forderte die Bestrafung der Schuldigen. Friedrich winkte lethargisch ab. Es sei eben nicht möglich, einer jeden Hure Kind zu erziehen. Aber die Kaiserin ließ nicht locker, bis die Burg der Raubritter gebrochen war und die Räuber zur Verantwortung gezogen wurden. Die Kaiserin fuhr ihren Mann an, er sei es nicht wert, seine Scham mit einem Schurz zu bedecken, wenn er sich so auf der Nase herumtanzen lasse. In Portugal habe man andere Vorstellungen von Königswürde! Friedrich zog sich mit dem Hinweis aus der Affäre, die Rache sei die Wirtschafterin der Zeit. Dazu soll er gelacht haben, wie überliefert wird. Der Habsburger war ein kontaktarmer Einzelgänger, dem eine kühle Atmosphäre am angenehmsten war. Das fehlende Gemüt konnte er gut einweben in seine Vorstellung für die Würde und den Stolz auf das Amt des Kaisers, das ihn über seine Umgebung erhob. Zu seiner Politik passt wohl der Vergleich mit einer Spinne, die lange Zeit regungslos in ihrem Netz sitzen kann, bis sich die Beute von selbst darin verfängt.

Trotz alledem, Eleonore hatte ein gutartiges Gemüt, arrangierte sich der Umgebung und mit ihrem Gemahl, und schenkte ihm insgesamt fünf Kinder. Von diesen überlebten nur zwei das Kindesalter, Maximilian (*1459) und Kunigunde (*1465).

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Nach den ersten Ehejahren lebten die Gatten getrennt, Eleonora weiterhin in Wiener Neustadt, Friedrich in Graz. Die Kaiserin starb im 31. Lebensjahr, im September 1467. Friedrich hat die schöne Portugiesin bei aller Sprödigkeit seines Wesens nie vergessen. Er hat sich kein zweites Mal um eine Heirat bemüht, auch von Verhältnissen mit Hofdamen oder Mädchen niederen Standes ist nichts Genaues bekannt.

Zurück zur Politik und das Jahr 1453, als Eleonore noch mit Friedrich III. in Wiener Neustadt weilte, denn da geschah Umwälzendes. Gerade als Sultan Mehmed II. seinen Würdenträgern eröffnete, dass er entschlossen sei, Konstantinopel endgültig für den Islam zu erobern, schrieb ihm Kaiser Friedrich III. einen Brief, in dem er ihn aufforderte, von einem solchen Vorhaben Abstand zu nehmen. Angesichts des osmanischen Heeres war das eine kraftlose Lächerlichkeit. Ein halbes Jahr später ging in Wien ein Brief des Dogen von Venedig ein, in dem die am 29. Mai 1453 vollendete Eroberung Konstantinopels durch die Türken gemeldet und in ihren blutigen Einzelheiten geschildert wurde. Das zweite Rom am Bosporus war gefallen, eine existenzielle Säule der Christenheit! Es beruhigte niemanden, dass die Osmanen keine rohen Schlächter waren, sondern mit großer Staatsweisheit ein Reich mit festem Bestand zu schaffen wussten. Im Gegenteil, man musste es fürchten, dass der Sultan ankündigte, er wolle nun von Osten nach Westen marschieren, so wie einst die Abendländer von Westen nach Osten vorgedrungen seien.

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Friedrichs Berater Aeneas Sylvius war klar, dass man Ungarn nun helfend beistehen musste. Obwohl die Osmanen durch das Zerschlagen und Besetzen des Byzantinischen Reiches einen erheblichen Aggressionswert gesammelt hatten, schien Sylvius die Bildung einer christlichen Koalition als schwierig. Sylvius wusste, wie tatenscheu Friedrich III. war, lediglich dessen gute Beziehungen zum Papst waren vielleicht eine gute Voraussetzung. Hätten die beiden Universalmächte Kaiser und Papst noch die frühere Machtfülle besessen, hätten sie das Abendland wohl um sich gesammelt und zurückschlagen können. Aber der Kreuzzugsgedanke war tot, die Herrscher Europas hoffnungslos in ihre eigenen lokalen Probleme und Eifersüchteleien verstrickt. Aeneas Sylvius machte aus der abendländischen Zerstrittenheit auch noch ein Verdienst, indem er erklärte, Zwist im Inneren mache tüchtig für den Krieg nach außen, der im übrigen aussöhnend wirken werde. Das war nur eine ermahnende Phrase: Der Krieg gegen die Türken würde die Europäer nicht aussöhnen, er setzte vielmehr die allgemeine Versöhnung voraus.

Der Kaiser musste sich auf jeden Fall angesprochen fühlen, auch weil ihn Hunyadi von Belgrad aus dringend aufforderte. Auf den 24. April 1454 berief er einen Reichstag nach Regensburg ein, zu dem sogar Herzog Philippe von Burgund erschien. Dieser sah in der Führerschaft eines Kreuzzugs ein probates Mittel, um sein Ansehen zu steigern, so dass ihm die Königskrone am Ende von Friedrich nicht mehr vorenthalten werden konnte. Der hatte keine Lust, dem Burgunder eine derartige Gelegenheit zur Profilierung zu gönnen. Also erschien Friedrich in Regensburg nicht selber, sondern schickte Aeneas Sylvius als Abgesandten. Außer Laberei ergab sich auf dem Reichstag somit nichts Konkretes. Ende September 1454 tagten die Reichsstände in Frankfurt ein zweites Mal, ohne Anwesenheit des Kaisers und ohne Ergebnis in der Türkenfrage. Die Fürsten boten zwar das Aufstellen von Truppen an, allerdings blieb die Finanzierung ungeklärt. Ohne Geld keine Reichsarmee, es gab ja kein stehendes Heer. Angesichts von Friedrichs Untätigkeit musste vorher mit ihm Rücksprache gehalten werden. Die Fürsten bestimmten: zu Pfingsten 1455. Endlich gab es dann eine Stellungnahme des Kaisers: Okay, es soll ein halber Zehnt im ganzen Reich ausgeschrieben werden, um das Reichsheer aufzustellen. Treffpunkt, um das Ergebnis dieser Sondersteuer zu beraten: Daheim in Wiener Neustadt, im Frühjahr 1456. Was ist mit der Reform des Landfriedens?, gaben die Fürsten zu bedenken. Wenn sie in den Krieg ziehen sollten, musste in ihrer Abwesenheit die Sicherheit daheim gewährleistet sein. Wie gesagt, antwortete der Kaiser, nächstes Jahr in Wien, dann schauen wir weiter. Er hatte nicht genügend Autoritätspunkte für eine Reichsreform, woher auch bei seiner Untätigkeit. Derweil handelten die Türken und marschierten auf Belgrad zu, das unbedingt von dem militärisch versierten Ungarn Hunyadi verteidigt werden musste.

Hunyadi saß zu dieser Zeit in Ungarn fest im Sattel, nachdem er eine Hofintrige um die Österreicher Eizinger und Cilli abgewehrt hatte: Es hatte das Gerücht gegeben, Hunyadi strebe den Tod des jungen Ladislaus an, um weiter alleine in Ungarn herrschen zu können. Doch Hunyadi konterte, er bewirkte die Entlassung der beiden Intriganten (die sich auch untereinander bekämpften) und bot im Sommer 1455 auf einem Landtag in Ofen den Verzicht auf alle seine Ämter an. Doch die große Mehrheit verlangte stürmisch sein Bleiben, worauf Hunyadi sicherlich spekuliert hatte. Im Ergebnis stand er gefestigt da, während Eizinger und Cilli desavouiert waren.

Die Verteidigung von Belgrad 1456 gegen die Türken glückte entgegen aller Wahrscheinlichkeit tatsächlich, weil sich unter einem Prediger ein fanatisches Volksheer mit 60.000 Mann gebildet hatte. Man kann sich vorstellen, welches Blutbad sich an den Mauern Belgrads ereignet haben muss. Die erfolggewohnten Türken wurden von den vereinten Kräften dieses Mobs sowie den Heeressoldaten des Hunyadi zurückgeschlagen und mussten bei ihrer Flucht ihre besten Kanonen zurücklassen. Sowohl Hunyadi als auch der Prediger schrieben sich den glänzenden Sieg zu, aber beide starben bald darauf. Der große Feldherr und ungarische Regent Hunyadi fiel im August 1456 einer Lagerseuche zum Opfer. Der Tod dieser beiden charismatischen Anführer war für den Sultan beinahe so viel wert, als wenn er die Schlacht von Belgrad gewonnen hätte.

Wer sollte nach dem Tod Hunyadis nun die Regentschaft für Ladislaus in Ungarn übernehmen? Es war die Stunde seiner Widersacher, Ulrich von Cilli sicherte sich dieses wichtige Amt. Er benutzte seine Vollmachten unter anderem dazu, die hemmungslose Bereicherung des Hauses Hunyadi während der Jahre ihrer Regierung in einem Prozess zu untersuchen. Als Vertreter der Hunyadi wurden die beiden Söhne Laszlo und Matthias vorgeladen, die sich vor Gericht so glänzend verteidigten, dass Cilli gezwungen war, sich öffentlich mit ihnen zu versöhnen.

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Freispruch mit einer Bedingung: Laszlo Hunyadi hatte einige königliche Burgen unter seiner Kontrolle, die mussten an den neuen Regenten übergeben werden. Man fing mit der Festung von Belgrad an, deren Kommandant Laszlo war. Cilli hatte die Absicht, König Ladislaus mit sich nach Belgrad zu nehmen und Hunyadi in der Festung ermorden zu lassen, aber Hunyadi wurde beizeiten gewarnt und ließ nur Ladislaus und Cilli hinein, nicht aber deren Söldner. Am nächsten Morgen (dem 9. November 1456) griff Cilli während einer privaten Unterredung plötzlich Laszlo Hunyadi an. Die Freunde des Kommandanten hörten aber das Klirren der Waffen, griffen ein und streckten Cilli nieder. Der junge König, der in die Pläne eingeweiht war, verzieh daraufhin Hunyadi und schwor, dass er die Familie beschützen werde. Zum Zeichen seiner Aufrichtigkeit ernannte er Laszlo Hunyadi zum Schatzmeister und Generalkapitän des Königreichs. Hunyadi, der nichts Böses vermutete, begleitete den König nach Buda. Aber als er dort ankam, wurde er mit der Begründung festgenommen, dass er Ladislaus' Untergang plane. Ohne Einhaltung jeglicher legaler Formalitäten wurde Laszlo zum Tode verurteilt und am 16. März 1457 enthauptet. Dem jüngeren Hunyadi-Sohn Matthias, nun das neue Oberhaupt der Familie, erging es besser: Der 14jährige wurde im Kerker gehalten.

König Ladislaus stand kurz vor seinem 18. Geburtstag und erwartete sicher ungeduldig seine offizielle Regierungsfähigkeit.

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Wie es sich für seinen Stand gehörte, war es für ihn auch an der Zeit zu Heiraten. Ladislaus reiste nach Böhmen, wo er ja auch König war, um in Prag eine Tochter des französischen Königs Charles VII. an den Altar zu führen. Doch kurz vor der Hochzeit erkrankte Ladislaus schwer und starb unvermittelt am 23. November 1457. Das war für das Haus Habsburg eine Katastrophe! Der Versuch, eine Gesamtherrschaft über Österreich, Böhmen und Ungarn zu schaffen, war gescheitert. Natürlich kamen direkt Gerüchte auf, Podiebrad habe etwas mit dem Tod des Königs zu tun gehabt (moderne Untersuchungen des Skeletts haben ergeben, dass Ladislaus nicht vergiftet wurde, er hatte Leukämie).

Jetzt ging es nämlich um die Frage, wer in Böhmen und Ungarn jeweils die Krone erben würde. Großes juristisches Kino: Friedrich III. argumentierte, Böhmen sei jetzt als herrenloses Königreich ans Reich gefallen, da Ladislaus nach seiner Krönung bei ihm als Kaiser nicht offiziell um seine Belehnung angefragt habe. So ein Quatsch, antworteten die Böhmen: Der Kaiser solle mal einen Blick in die Bestimmungen der Goldenen Bulle werfen. Darin sei doch klar geregelt, dass in einem solchen Fall den Böhmen selbst die Thronfolge anheim gestellt werde. Außerdem habe Karl IV. im Jahre 1348 für Böhmen die agnatisch-kognatische Erbfolge bestätigt. Man müsse also mal gucken, was mit den beiden Schwestern des verstorbenen Ladislaus wäre: Anna war mit dem Wettiner Herzog Wilhelm III. von Sachsen verheiratet. Damit kamen die Wettiner eher ins Spiel als die Habsburger. Und Elisabeth war mit König Kasimir IV. von Polen verheiratet, das berechtigte die Jagellonen zur Nachfolge.

Gegen die Sache mit der weiblichen Erbfolge konnte Friedrich III. schlecht angehen. Selbst die vertragliche Erbverbrüderung, die das Haus Habsburg und das Haus Luxemburg damals geschlossen hatten, sah ausdrücklich die Möglichkeit auch weiblicher Erbfolge vor. König Albrecht II. hatte sich das seinerzeit extra von den Böhmen bestätigen lassen. Daran war Friedrich III. nun auch zu seinem Nachteil gebunden. Er versuchte es mit einem neuen Argument: Für Böhmen sei das Habsburger Hausrecht anzuwenden (das die rein männliche Erbfolge vorschrieb), seitdem der Habsburger Albrecht II. 1438 die Krone Böhmens übernommen hatte. Also bestünde auch jetzt eine Art Anwartschaft der Habsburger auf den böhmischen Thron. Das war mal wieder eine der juristischen Spitzfindigkeiten, mit denen Friedrich III. so gerne und langatmig hantierte. Die Böhmen setzten der Laberei entschlossen ein Ende: Sie selber waren nach ihrer Ansicht berechtigt, über die Besetzung ihres Königsthrons zu bestimmen, und zwar durch Wahl. In Prag brachen regelrechte Tumulte aus, die Utraquisten gingen auf die Straße. Sie wollten ihren Mann durchsetzen, nämlich Georg Podiebrad. Es gab auch Unterstützer für die Kandidaten der Habsburger, der Wettiner und der Jagellonen, aber die wurden eingeschüchtert bzw. bestochen. Podiebrad sorgte für vollendete Tatsachen, ließ sich von den böhmischen Fürsten wählen und durch „seinen“ Erzbischof Rokycan krönen. Zack.

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Noch schneller als in Böhmen sah sich Friedrich III. in Ungarn vor vollendete Tatsachen gestellt. Am Tage nach Ladislaus' Tod war Matthias, der Bruder des enthaupteten Laszlo Hunyadi, in Prag eingetroffen. Sofort behandelte Podiebrad den Knaben äußerst zuvorkommend, bot ihm sogar eine Tochter zur Ehe. Der gewiefte Politiker Podiebrad hatte ein Interesse daran, dass die nationalistischen Hunyadi in Ungarn am Ruder blieben – dann konnte dort nämlich kein Habsburger die Macht ergreifen, was ihn wieder in Böhmen bedroht hätte. Nach Möglichkeit sollte Matthias Hunyadi sogar ungarischer König werden, dann wäre das Thema „Habsburg in Ungarn“ endgültig abgehakt. In Ungarn roch es zunächst nach Erbfolgekrieg, denn neben Matthias Hunyadi beanspruchten die Habsburger und die Jagellonen den Thron für sich. Innerhalb Ungarn gab es jene, die für die Hunyadi waren und jene, die Grund dazu hatten, ihre Macht zu fürchten. Das waren jene ungarischen Adeligen, die die Hunyadis als traditionslose Emporkömmlinge verachteten, denen sie ihre persönliche Bereicherung neideten, und die Ladislaus als Garanten ihrer eigenen Zukunft bevorzugt hätten. Truppen wurden zusammengezogen, während parallel diplomatische Beratungen liefen. Da sollen die Truppen, die auf dem Eis der Donau zu frieren begannen, dem Hin und Her der Verhandlungen mit dem plötzlichen Aufschrei „Es lebe König Matthias“ ein Ende gemacht haben.

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Entgegen aller dynastischer Rechte und Gewohnheiten siegte ein urwüchsiges ungarisches Nationalgefühl, das unter dem Druck der Türken entstanden war. Man merkt an solchen Ereignissen wie denen des Jahres 1457 in Böhmen und Ungarn, wie das Mittelalter allmählich endet und eine neue Zeit anbricht. Am 24. Januar 1458 wurde Matthias zum König gewählt und bestieg den ungarischen Thron. Die mittelalterlichen Traditionalisten in Ungarn reagierten darauf, indem sie Friedrich III. die Krone anboten. Praktischerweise war der noch im Besitz der Stephanskrone, so dass er sie sich in Wiener Neustadt gleich aufs Haupt setzen lassen konnte. Da war wieder das alte Problem: Der eine saß mit der rechten Krone am falschen Ort, der andere mit der falschen Krone am rechten Ort.

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Blieb als letzter Teil aus Ladislaus' Erbe noch das Herzogtum Österreich. Nach dem Habsburger Hausrecht musste Friedrich III. das Prinzip der Gesamtherrschaft beachten, also mit seinen Verwandten teilen, namentlich mit seinem Bruder Albrecht und seinem Cousin Siegmund. Die zähen Verhandlungen darüber zogen sich bis Mitte 1458 hin. Siegmund erhielt die Vorlande, Albrecht einen Anteil an den Einkünften aus Gesamtösterreich und einen Posten im Rat. Wen wundert es bei all diesen Angelegenheiten, dass Friedrich III. als Kaiser weiterhin leider keine Zeit dafür fand, die Reichsreform voranzubringen? Ohne Landfrieden keine Bereitschaft der Fürsten, Teil eines Reichsheeres zu werden, von der Finanzierung ganz zu schweigen.

Um es vorneweg zu nehmen: Die Unfähigkeit zur Reichsreform zog die Unfähigkeit zur äußeren Verteidigung nach sich. Das war der Nenner, unter dem man die Kreuzzugsberatungen auch der folgenden Reichstage in den 1460ern zusammenfassen konnte. Nur wurde die Türkennot in der Zwischenzeit immer drängender. Ungarn allein hielt die Osmanen nicht mehr auf, nachdem sich der Sultan 1463 Bosnien unterworfen hatte. Von dort aus war der Weg durch Kroatien nach Krain, Kärnten und in die Steiermark nicht mehr weit, die ungarische Tiefebene konnte umgangen werden. Im Jahre 1469 fielen leichte Überfall-Einheiten zum ersten Mal in die innerösterreichischen Gebiete ein. Sie drangen von Möttling an der Kulpa aus bis in die Gegend von Cilli vor, töteten viele Einwohner, verbrannten die Felder und Weinberge, schleppten 20.000 Menschen in die Sklaverei. In den 1470ern kamen die Mordbrenner jeden Frühling wieder. Sie waren auf ihren flinken Pferden viel zu beweglich, um von der schlecht organisierten Landwehr ernsthaft gehindert werden zu können. Auf eine Belagerung verstanden diese Banden sich nicht, da das Mitführen von Artillerie und Belagerungsgerät sie ihrer Schnelligkeit beraubt hätte. Aber was außerhalb der Befestigungen von Laibach, Klagenfurt etc. verblieb, war ihnen gnadenlos ausgeliefert. Selbst ein Phlegmatiker wie Friedrich III. konnte nicht tatenlos zusehen, wie die Türken bis an die Krain rückten und immer wieder seine Ländereien verwüsteten. Schutz dagegen konnte dem Kaiser nur ein großer, siegreicher Feldzug nach Bosnien und Serbien hinein geben. Es geschah etwas „Unerhörtes“, der Kaiser begab sich höchstpersönlich zu dem nächsten Reichstag im Frühjahr 1471 in Regensburg. Im Reich machte sich Erleichterung breit, endlich nahm der Habsburger sich der Sache an. Aber jetzt, da es konkreter wurde, ging der Streit um die Erhebung der Reichssteuer erst richtig los. Fürsten, Ritter und Städte zankten wochenlang um die Lastenverteilung. Und selbst als die Steuererhebung leidlich skizziert war, musste das Geld ja auch noch tatsächlich eingetrieben werden. Am Ende kam konkret die Zusage zustande, gerade einmal gut 10.000 Mann zur bedrohten Südostgrenze des Reiches zu schicken. Da hatten Kaiser und Reichsfürsten nach jahrelanger Beratung nicht sonderlich viel realisiert. Von einer Koalition mit Frankreich, Burgund und Italien ganz zu schweigen.

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Einer, der es wissen musste, sah dieses magere Ergebnis schon 1458 voraus, als Friedrich III. noch mit dem Nachlass des Ladislaus beschäftigt war: Aeneas Sylvius, der Berater des Kaisers. Der Bischof hatte in diesem Jahr einen bedeutenden Karrieresprung gemacht, er wurde nach dem Tod von Calixt III. zu dessen Nachfolger gewählt und nannte sich fortan Pius II. (1458-1464). Als Papst berief er für 1459 sogleich einen Fürstenkongress nach Mantua ein, um neuen Schwung in die Türkenfrage zu bringen. Dass sein früherer Arbeitgeber Friedrich III. lediglich eine nicht standesgemäße Delegation schickte, bestätigte Pius II. in seiner langjährigen Kenntnis von dessen geizigem und phlegmatischem Charakter, und er gab sich keinen Illusionen hin, den Kaiser aufrütteln zu können. Mit England sah es nicht besser aus, hier saß der depressive Henry VI. auf dem Thron und das Land versank gerade im Bürgerkrieg. Wirklich enttäuschend war, dass selbst der Herzog von Burgund nicht persönlich erschien, obwohl Philippe doch so lauthals die Führung gegen die Türken für sich beansprucht hatte. Doch der Burgunder musste gerade vor Frankreich auf der Hut sein und konnte es sich nicht erlauben, in so einer Situation außer Landes zu gehen. Frankreich stellte für seine Teilnahme an dem Kongress die Vorbedingung, dass der Papst den französischen Anspruch auf Neapel voranbringt. Die französischen Ambitionen veranlassten wiederum den neuen König von Neapel, Ferdinand I. (1458-1494), dazu, lieber zu Hause zu bleiben. Weil die Großen alle absagten, zeigten sich auch Florenz und Mailand nicht bereit, im Alleingang zu handeln. Nur Venedig war zum Handeln bereit – was kein Wunder war, waren es doch ihre Handelsposten im östlichen Mittelmeer, die die Türken unter ihre Kontrolle brachten. Jahrelang strampelte sich Pius II. bis zu seinem Tod 1464 redlich ab, die christliche Koalition doch noch auf die Beine zu stellen. Vergeblich.

In Deutschland war man inzwischen ebenfalls unzufrieden mit der Untätigkeit des Kaisers in Sachen Reichsreform. Die Kurfürsten dachten darüber nach, Friedrich III. abzusetzen, grundsätzlich hatten sie ja die Befugnis dazu. Das Problem war, dass der Habsburger bereits vom Papst zum Kaiser gekrönt worden war, und deshalb hätte der einer Absetzung mit zustimmen müssen. Wenn sich Friedrich III. aber mit jemandem gut verstand, dann war das der Papst. Eine bloße Absetzung war rechtlich also nicht machbar. Es musste ein anderer Weg gefunden werden. Die Kurfürsten kamen auf die Idee, man könne doch unterhalb des Kaisers einen „geschäftsführenden“ König ernennen, der anstelle des faulen Friedrich III. die Sachen in die Hand nimmt. Die Position des Römischen Königs parallel zum Römischen Kaisers war nicht neu, das war in der Vergangenheit aber die Bezeichnung für den Sohn und designierten Nachfolger des amtierenden Kaisers gewesen. Es wurde also ein bewährter Name mit einem neuen Verständnis gefüllt. Okay, fragten sich die Kurfürsten, wer soll diesen Job machen? Philippe von Burgund – zu mächtig, zu heikel. Der Habsburger Albrecht – der war Brandenburg und Sachsen nicht recht. Wie wäre es dann mit dem Wittelsbacher Friedrich I. von der Pfalz?

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Friedrich I. „der Arrogator“ von der Pfalz

Der führte seit 1451 die Herrschaft über die Pfalz, nachdem sein Bruder Ludwig IV. gestorben und dessen Sohn mit einem Jahr Alter natürlich noch zu jung für die Nachfolge war. Um die Pfalz mit Zustimmung der Kurfürsten und des Papstes übernehmen zu können, adoptierte Friedrich seinen Neffen und verzichtete für sich auf den Abschluss einer Ehe und somit auf das Zeugen eigener legitimer Erben. Dieser Vorgang heißt Arrogation, Friedrich I. wurde deshalb auch als „der Arrogator“ bezeichnet. Der Arrogator war damals 27 Jahre alt, ein glänzender Ritter, tüchtiger Politiker und zupackender Administrator – die Pfalz war zu klein für seinen Ehrgeiz. Das war der Typ eines Fürsten, mit dem Friedrich III. am wenigsten zu tun haben wollte, die beiden unterschieden sich wie Feuer und Eis. Man kann sich also vorstellen, was Friedrich III. von dem Vorschlag hielt, den Arrogator zum geschäftsführenden König zu krönen. Der Habsburger erkannte richtig, dass er dann zu einem bloßen Zeremonienmeister degradiert worden wäre, zuständig nur noch für repräsentative Aufgaben. Verbündete gegen den Plan der Fürsten hatte Friedrich schnell gefunden: Albrecht Achilles von Ansbach war ebenfalls gegen den Arrogator, denn der Wittelsbacher wäre dann zum dominierenden Herrscher in Süddeutschland geworden. Und dem Papst schmeckte diese Abwertung des Kaisertums schon grundsätzlich nicht.

Friedrich III. musste mal wieder keinen Finger rühren, um im Reich präsent zu sein. Das erledigte Ansbachs Albrecht Achilles für ihn, der war ein exzellenter Politiker und Feldherr. Die Wittelsbacher reagierten, indem Bayern und Pfalz 1458 vorsorglich ein Bündnis schlossen. Da musste Albrecht Achilles natürlich nachziehen, Ansbach schloss sich mit Hessen, Sachsen, Württemberg, Baden und Mainz zusammen. Es roch mal wieder nach Krieg in Süddeutschland. Albrecht Achilles zögerte, das Schwert gegen Bayern zu ziehen. Sein Verbündeter Wilhelm von Sachsen mahnte, die Dinge wegen der ungeklärten Haltung Böhmens in seinem Rücken nicht zu übereilen. Albrecht Achilles schaltete sich ein und klärte die Sache: Die Wettiner in Sachsen verzichteten auf ihren Anspruch auf die böhmische Krone. Der Krieg gegen Bayern und die Pfalz konnte losgehen.

Podiebrad durfte zufrieden sein. Da er gerade so umworben wurde, fragte er gleich mal bei Friedrich III. nach, ob der ihn nicht endlich als böhmischen König anerkennen könne. Böhmen würde dann nicht nur die Reichsacht gegen Bayern unterstützen, sondern auch dem Kaiser dabei helfen, in Ungarn Matthias Hunyadi vom Thron zu stoßen. Zwischen Österreich und Ungarn lief bald der Waffenstillstand ab. Und da der Krieg in Süddeutschland für Albrecht Achilles sich gerade schlecht entwickelte, konnte Podiebrad dem Kaiser noch zu bedenken geben, dass die Kurfürsten sich auch ihn durchaus für die Position des Römischen Königs vorstellen konnten. Immerhin schrien die Verwüstungen des laufenden Krieges sowie die Missernte von 1460 dringend nach einer entschlossenen Führung des Reiches. Friedrich III. reagierte so wie gewohnt: Er reagierte nicht darauf – und kam damit durch. Podiebrad hatte sich mit dem Ausgreifen auf den Römischen Königstitel überschätzt, denn bei den Kurfürsten besann man sich darauf, dass Podiebrad nicht nur böhmischer König, sondern auch Anführer der ketzerischen Utraquisten war. Das machte ihn für die römische Krone unmöglich, sie konnte nur an lupenreine Katholiken gehen. Podiebrad wäre wohl bereit gewesen, sein Fähnlein nach dem Wind zu drehen. Doch zuhause stellten sich drohend die Utraquisten vor ihm auf und ermahnten ihn, in Glaubensfragen nicht umzukippen. Podiebrad musste klein beigeben, er hatte zu hoch gepokert.

Zurücklehnen konnte sich der Kaiser eigentlich nicht. Ungarn war weiter in der Hand von König Matthias Hunyadi. Der wird übrigens auch Matthias Corvinus genannt, wegen des Raben in seinem Wappen.

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Die Kurfürsten waren immer noch sauer wegen der Untätigkeit des Kaisers, der Krieg in Süddeutschland tobte, und in Österreich hatte man auch die Faxen dicke, weil die Türken und marodierende Raubritterbanden das Land unsicher machten, ohne das Friedrich III. etwas dagegen unternahm. Der Kaiser beschäftigte sich zu dieser Zeit lieber mit der Prägung einer neuen Münze, was seiner Neigung zur Betrachtung von Edelmetallen zweifellos entgegenkam. Die Probleme allerorts ignorierte er. Jetzt reicht es, beschlossen die Österreicher, und fragten 1461 Erzherzog Albrecht, ob der nicht mit Waffengewalt für Ordnung im Land sorgen könne. Notfalls auch gegen den Willen und gegen die Truppen seines Bruders.

Albrecht zögerte zunächst, aber als Matthias von Ungarn ihm Unterstützung zusagte, fasste er Mut und erklärte seinem Bruder Friedrich III. den Krieg. Bald darauf wurde Wien von Truppen aus Österreich, Ungarn und Bayern belagert. Weil Ansbach im Krieg gegen Bayern einen klar negativen Warscore hatte, musste der Kaiser jemand anders um Vermittlung bitten. Das konnte nach Lage der Dinge ausgerechnet nur der Böhme Podiebrad sein, den Friedrich III. kurz zuvor noch düpiert hatte. Podiebrad verpflichtete den Kaiser, sich wegen dieser Utraquisten-Geschichte für ihn positiv beim Papst zu verwenden. Anschließend reichte die Drohung Böhmens, in Österreich einzumarschieren: Albrecht musste mit seinem Bruder einen Waffenstillstand schließen und die Belagerung von Wien abbrechen. Der Erzherzog verzieh dem Böhmen den erzwungenen Frieden nicht mehr. Podiebrad setzte noch einen drauf und erklärte Böhmens Kriegseintritt auf Seiten Bayerns und der Pfalz gegen Ansbach. Der Kaiser versuchte noch, das Ruder zu wenden und forderte die ihm unterstehenden Reichsstädte (Nürnberg, Ulm, Frankfurt etc.) zum Eingreifen auf. Die verhielten sich wie sonst der Kaiser: Gemach, wir müssen mal gucken. Da blieb dem bereits angeschlagenen Albrecht Achilles nur noch übrig, 1462 einem Frieden mit den Wittelsbachern zuzustimmen.

Der Krieg war aus, jetzt konnte es endlich weitergehen mit der Reichsreform und der Türkenfrage? Nein, konnte es nicht. Der Reichsmarschall musste im Oktober 1462 vor die versammelten Fürsten in Regensburg treten und sie auffordern, seinem Herrn Hilfe zu bringen: der Kaiser werde von seinen eigenen Untertanen, den Bürgern von Wien, in Wien selbst belagert, sein Schloss werde beschossen, sogar sein Leben sei in Gefahr. Bald war die Lage wie zuvor: Erzherzog Albrecht verbündete sich mit den Bürgern und schickte Verstärkung für die Belagerung. Wieder war der Kaiser in solcher Not, dass er jetzt befahl, die Wiener Stadtteile um seiner Burg in Brand zu schießen. Und wieder sollte Böhmen ihn raushauen. Podiebrad schickte seinen Sohn mit einem Entsatzheer, das sich im November 1462 mit Albrechts Truppen vor Wien eine Schlacht lieferte, die unentschieden ausging. Trotzdem musste der Erzherzog wieder Frieden schließen: Böhmen hatte Reserven im Rekrutenpool, er nicht. Ohne Beteiligung des Kaisers bestimmte Podiebrad im Friedensvertrag, dass Albrecht für die Dauer von acht Jahren Niederösterreich vom Kaiser übernimmt und diesem aus den Einkünften jährlich 4.000 Gulden abgibt. Also eine Art Frieden mit „Kriegsreparationen 10% der Einnahmen“, die Friedrich III. akzeptieren sollte. Der Kaiser nahm den Vertrag widerspruchslos an, die Wiener Bürger stimmten aus Kriegsmüdigkeit zu.

Für seinen Einsatz ließ sich Podiebrad jetzt wahrhaftig „fürstlich“ vom Kaiser entlohnen: Die Söhne Podiebrads wurden in den Reichsfürstenstand erhoben, falls Friedrich III. vor der Volljährigkeit seines Sohnes Maximilian stürbe, sollte der Böhme dessen Vormund mit einer jährlichen Zahlung von 100.000 Dukaten werden, und falls sowohl Friedrich III. als auch Maximilian ohne Erben stürben, sollte Podiebrad ihre Hauslande erben!

So dankbar, wie der Kaiser dem Böhmen für seine Rettung war, so sehr war das Verhältnis zu seinem Bruder Albrecht nun zerrüttet. Das sollte nicht lange andauern, Friedrich wurde von seinem Bruder durch dessen Tod am 2. Dezember 1463 befreit. Wahrscheinlich starb der Erzherzog an den Spätfolgen einer Seuche. Das Verhältnis zwischen Friedrich III. und seinem Cousin Siegmund dagegen war vielleicht, beim Aufteilen von Albrechts Besitz wurden sie sich durchaus einig. Wenn es ums Geld ging, griffen beide gerne zu – der eine aus Raffsucht, der andere aus Verschwendungssucht. Die Verhältnisse in Österreich waren wieder geklärt, Friedrich III. war nun selber der Erzherzog und rechnete genüsslich mit den Anführern des Bürgeraufstands ab. Sie wurden vom Scharfrichter geköpft, mit Ausnahme des Bürgermeisters – für den war das zu milde. Er wurde erst gefoltert und dann gevierteilt.

Es ging wieder aufwärts für den Habsburger. In Ungarn stand Matthias Corvinus so unter dem Druck der Türken, dass er den Kaiser als Fürsprecher einer christlichen Koalition benötigte. Der Deal war, dass Friedrich III. ihn als König anerkannte, der kinderlose Matthias auf das Gründen einer Dynastie verzichtete und Friedrich III. bzw. dessen Sohn Maximilian als seine Nachfolger akzeptierte. Über Ungarns Zukunft würde also weiterhin der kaiserlich-habsburgische Doppeladler schweben. Weil also gerade Ausgleichspolitik angesagt war, kam Friedrich III. auch mit den Wittelsbachern zu einem Weißen Frieden überein: Bayern verzichtete auf seine Eroberungen aus dem Krieg gegen Ansbach, dafür nahm der Kaiser Bayern und die Pfalz aus der Reichsacht. Schwamm drüber über den Krieg, der Süddeutschland verwüstet hatte.

Also dann, ein neuerlicher Anlauf, genügend Reichsautorität für die Reichsreform zu sammeln. Aber den torpedierte der Kaiser versehentlich selbst, es ging in diesem Fall um den Norden des Reiches. Dazu muss ich kurz ausholen: Nach dem Tod des Grafen von Holstein und Herzog von Schleswig Adolf VIII. im Jahre 1459 war seine Linie ausgestorben. Holstein war ein Lehen des Reichs, Schleswig ein Lehen vom Königreich Dänemark. Als Lehensmann des dänischen Königs war Adolf Mitglied des Kopenhagener Reichsrats gewesen. 1444 hatten ihm die dänischen Stände sogar die freigewordene Königskrone angeboten, aber er hatte abgelehnt und auf seinen Neffen verwiesen: Christian, Graf von Oldenburg und Delmenhorst, ein Halbdäne. Der bestieg als Christian VI. den Thron und erfreute sich des besten Einvernehmens mit seinem Onkel, zum Beispiel beim Niederschlagen der freiheitsbewussten Bauern in Dithmarschen, aber auch wegen seiner Bereitschaft, die Trennung Schleswigs vom Königreich Dänemark anzuerkennen. Das dänische Reichsgesetz sah nämlich vor, dass eine Personalunion als König von Dänemark und Herzog von Schleswig nicht gestattet war. Christian VI. wäre in Schleswig aber der Erbe seines Onkels gewesen, also sollte das Herzogtum beim Reich bleiben und durch einen der Brüder von Christian geerbt werden.

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Als Adolf VIII. dann 1459 starb, hatte Christian VI. das dänische Recht inzwischen ändern lassen und ließ sich doch zum Herzog von Schleswig und Graf von Holstein wählen. Seine Brüder schob er zur Seite, wohl gegen Geld erklärten sie artig ihren Verzicht. Nach deutschem Reichsrecht war es zulässig, dass ein außerhalb des Reiches stehender Herrscher auch Lehensträger innerhalb des Reiches sein konnte (ein solches Verbot kommt in EU4 erst mit einer der späteren Reichsreformen). Es war nicht einmal verboten, dass sich ein solcher Herrscher gar die Kaiserkrone aufsetzte, wenn ihn die Kurfürsten nur wählten. Christian VI. unterließ es lediglich, sich ordnungsgemäß vom Kaiser belehnen zu lassen, und das konnte man ihm formal ankreiden.

Kurfürst Friedrich von Brandenburg machte es dem Kaiser gegenüber geltend, weil er gerne selber Graf von Holstein werden wollte. Aber die Situation im Reich war damals nicht danach, Dänemark zu etwas zwingen zu können, es lief gerade der Streit um die Position des neuartigen Römischen Königs. Friedrich III. entschloss sich auch hier wieder dazu, gar nichts zu unternehmen. Christian VI. hatte ihn nicht um Belehnung gebeten, also erkannte er ihn stillschweigend auch nicht an. Im Norden hatte er als Kaiser eh nichts zu melden, hier war stattdessen die Hanse der Konkurrent Dänemarks. Aber selbst für die Hanse interessierte sich Friedrich III. nicht, obwohl er sie vielleicht hätte nutzen können, denn der Bund der Kaufleute roch ihm zu sehr nach Republik. Das war nichts für den erklärten Aristokraten Friedrich.

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Noch so eine republikanische Veranstaltung war das erwähnte Dithmarschen. Schlimmer noch als die Hanse, denn hier hatten sich Bauern 75% Autonomie von ihrem Lehnsherrn, dem Erzbischof von Bremen, erstritten. Nach guter feudaler Art sah Friedrich III. die renitente Bauernrepublik als „herrenlos“ an. Die Lehnspyramide hatte lückenlos zu sein – kein Land ohne einen Herren, war das entsprechende Prinzip. Widerborstige Landbewohner mochten derzeit die tatsächliche Macht ausüben, das zählte nach seiner Rechtsauffassung aber nicht als feudale Herrschaft. Der Nutznießer von Friedrichs Haltung war Dänemark: Christian VI. erhielt die Erlaubnis, sich Dithmarschen zu unterwerfen und es mit Holstein zu einem neuen Herzogtum des Reiches zu verbinden. Sicher freute sich der dänische König darüber. Nur: Die Dithmarscher und die Hansestädte sorgten bald dafür, dass der Kaiser seinen Rechtsirrtum bemerkte, und Christian VI. sah sich bei schlechtem Wetter in einem unangenehmen Unterwerfungsfeldzug gegen kampfbereite Friesenbauern.

Der Kaiser musste sich vom Bremer Erzbischof belehren lassen, dass die Argumente der Bauern in Dithmarschen rechtlich in Ordnung waren, und nahm 1481 die Belehnung Christians mit diesem Land zurück. Der aber war gestorben, kurz bevor die Nachricht Kopenhagen erreichte, und seine Nachfolger scherten sich nicht um das kaiserliche Machtwort. Friedrich III. zuckte mit den Schultern und suchte nach dem nächsten Fettnäpfchen. Damit wären wir bei dem Rundblick beim Deutschen Orden.

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Re: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

Beitragvon Mark » 12. Oktober 2018 20:57

Der Deutsche Orden ist in EU4 keine leichte Wahl für eine Partie. Schon 1395 hatte König Wenzel ihm den Heidenkrieg verboten, da sich kurz zuvor Litauen als katholisch erklärt hatte. Jedenfalls offiziell, und das genügte. Damit war dem Orden seine Daseinsberechtigung entzogen, die Polen konnten ihn auf dem Konstanzer Konzil von 1415 sogar als ketzerische Organisation hinzustellen versuchen. Das zeigte, dass die Polen unablässig daran dachten, dem Deutschen Orden nach ihrem Sieg von Tannenberg (1410) irgendwann einmal den Fangstoß zu geben. Der Druck musste gut dosiert gegeben werden, denn Papst und Kaiser waren von Amts wegen dem Schutz des Ordens verpflichtet. Doch das Ordensland war kein monolithischer Block, den Ordensmitgliedern mit ihren Bischöfen und Domkapiteln standen eine Bürgerschaft in den Städten sowie ein nicht an den Orden gebundener Landadel gegenüber. Klerus, Bürger, Adel – da sind sie wieder, die drei Stände. Diese Bürger und der Landadel schlossen sich unter der Führung von Danzig zum „Preußischen Bund“ zusammen, um ihre rechtlichen Interessen gegenüber dem Orden zu wahren. Für die Ordensleute war die angestrebte Minderung ihrer Privilegien eine Zumutung, über die sie sich beim Kaiser beschwerten.

Der Hochmeister Konrad von Erlichshausen wandte sich im Jahre 1453 an den Kaiser, um den Preußischen Bund für illegal erklären zu lassen. Es hätte der 14.000 Gulden Handsalbe, die dabei flossen, nicht bedurft, denn selbstverständlich war der Preußische Bund illegal. Die Kirche besaß in inneren Angelegenheiten eine von den Kaisern oft genug garantierte Freiheit: Die Ordensleute waren Kleriker, folglich durch Sonderbünde in ihrem Kirchenland nicht einschränkbar. Der Bund hatte sich aufzulösen. Er unterstellte sich aber sofort dem Schutz Polens, das 1454 das Ordensland zu polnischem Territorium erklärte. In Deutschland herrschte Empörung über das polnische Vorgehen, hier verlangte man ein militärisches Vorgehen gegen Polen. Friedrich III. reagierte 1455 mit der Reichsacht über den Preußischen Bund, ein Feldzug gegen Polen kam aber nicht auf die Beine. Erst musste die Türkengefahr abgewendet werden – doch dieser Kreuzzug kam nicht zustande, weil die polnische Angelegenheit nicht erledigt war. Die Wahrheit war, dass Friedrich III. es sich nicht mit seinem Schwager, dem polnischen König Kasimir IV., verscherzen wollte. Er brauchte ihn vielleicht noch gegen den Böhmen Podiebrad. Mit der Acht gegen den Preußischen Bund hatte Friedrich III. seine kaiserliche Pflicht getan, das musste genügen.

Nachdem dem Orden 1466 das Geld ausgegangen war, seine Söldner zu bezahlen, musste er in Thorn einen demütigenden Frieden schließen, der ihn von seiner Landbrücke zum Reich abschnitt. Kasimir IV. übernahm Westpreußen, das Gebiet um die Weichsel, Marienburg, das Kulmer Land sowie das Ermland. Das waren jene wirtschaftlich starken Gebiete, in denen der Preußische Bund gut organisiert war. Jetzt war nach Holstein also auch noch weiteres Reichsgebiet aus dem Verband ausgeschieden, weiterer Abzug bei den kaiserlichen Autoritätspunkten. Friedrich III. fand das offenbar nicht so schlimm, die Polen waren nach allem doch keine Türken. Es rührte ihn daher auch nicht, wenn Kasimir anschließend die Neumark ins Visier nahm, die der Deutsche Orden im Jahre 1402 an Brandenburg verpfändet hatte.

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Damit sprach Polen gegenüber Brandenburg eine Warnung aus: die Hohenzollern sollten lieber von ihrem Plan ablassen, ihre Nachbarn in Pommern anzugreifen, um sich an den Strand der Ostsee auszudehnen. Es ging dort mal wieder um einen Erbfolgestreit, seitdem Otto III. im Jahre 1464 gestorben war und der Brandenburger Friedrich II. dessen Pommersches Teilherzogtum Pommern-Stettin als erledigtes Lehen einziehen wollte. Dagegen hatten die Herzöge der überlebenden Wolgaster Linie des Greifenhauses etwas. Friedrich II. musste nun erkennen, dass die Pommern mit Polen eine mächtige Schutzmacht hinter sich hatten.

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Friedrich II. von Brandenburg übergab dann, nach erfolglosen Kämpfen um Pommern, im Jahre 1470 die Herrschaft seinem Bruder Albrecht Achilles (den kennen wir schon von Ansbach). Weil Friedrich bald darauf im Februar 1471 starb, war Albrecht Achilles das alleinige Oberhaupt der Hohenzollern, Ansbach und Brandenburg waren jetzt gemeinsam unter seiner Regierung.

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Gemäß den Bestimmungen der Goldenen Bulle von 1356 passte Albrecht Achilles das Hausgesetz der Familie, die Dispositio Achillea, an: Die Kurmark Brandenburg war stets unteilbar an den ältesten Sohn zu vererben.

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Warum auch hätte Friedrich III. mit einer Expansion Brandenburgs die Hanse reizen, den polnischen König verstimmen, am Ende den Deutschen Orden zur Revanche anstacheln sollen? Diese Ecke des Reiches interessierte ihn wenig. Solange er mit Podiebrad auf gutem Fuße stand, weil dieser ihn zur Vermittlung in Rom brauchte, konnte er hinter Böhmen den Kopf einziehen, ohne deshalb die Beziehungen zu Polen zu gefährden. Polen konnte noch wichtig werden gegen Ungarn. Die Reichsfürsten hielt der Habsburger nicht für gefährlich, solange sie den „Römischen König“ in der Schublade ließen und solange sie nicht mit dem mächtigen Burgund Ränke spannen. Herzog Philippe neigte schon dem Grabe zu, sein feuriger Sohn Karl führte die Staatsgeschäfte.

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Den musste er genau im Auge behalten, ebenso wie es sicherlich der französische König Louis XI. tat. Alles war in einem lähmenden Gleichgewicht. Warum sollte der erfahrene, phlegmatische Kaiser in der Mitte dieser Kräfte mit diesem Zustand nicht zufrieden sein?

Ruhe war ihm nicht beschieden, das lag an seiner eigenen schlechten Zahlungsmoral. Der Kaiser war kein guter Landesvater: Viel an Selbsthilfe, die seine Gläubiger übten und dabei mit Exzess verwechselten, war seine Schuld. Unter denen, die Österreich verwüsteten, um sich daran schadlos zu halten, befanden sich Jörg von Stein und Wilhelm von Puchheim. Wilhelm war derjenige gewesen, der den Tross der Kaiserin ausgeraubt hatte, weswegen seine Burg eingeäschert worden war, und der nun nach Vergeltung schnaubte. Zentrum der Kämpfe wurde die Stadt Steyr, die Jörg von Stein durch die Truppen des Kaisers entrissen wurde. Da kamen Abgesandte des Böhmenkönigs und erklärten dem Kaiser, er habe den vom Stein gefälligst im Besitz der Steyrer Pfandschaft zu lassen, denn König Podiebrad habe diesen unter seinen Schutz genommen. Denn auch Podiebrad hatte noch einige Ersatzforderungen an Friedrich, infolge von dessen Befreiung aus der Belagerung von Wien. Friedrich III. ließ ihm erwidern, er sei bereits befriedigt, sei außerdem ein frecher Nachbar, weil er die Rebellen unterstütze. Außerdem sei er ein Abtrünniger von der römischen Kirche. Als Podiebrad davon erfuhr, wäre er gerne in Österreich eingefallen. Aber er war sich nicht sicher, was die Hohenzollern und Wettiner dann in seinem Rücken unternehmen würden. Ungarn befand sich gerade in gutem Einvernehmen mit Österreich, dort konnte Böhmen keine Mithilfe erwarten. Im Gegenteil: Nach Lage der Dinge war Matthias Corvinus der geeignete Kriegshauptmann gegen den Ketzerkönig.

König Matthias war zwar der Schwiegersohn des Podiebrad (er hatte 1461 dessen Tochter geheiratet), aber er hatte erkannt, dass er die Ressourcen des Reiches anzapfen musste, wenn er Ungarn gegen die Türken behaupten wollte. Feldzüge führen konnte Matthias – für den nach Böhmen erhielt er sogar den Segen des Papstes, denn offiziell ging es um den Schutz der böhmischen Katholiken. Paul II. ging dabei so weit zu verkünden, dass die Pflicht zum Kreuzzug gegen die Türken auch gegen den Böhmenkönig erfüllt werden könne. Militärisch waren die ungarischen Truppen siegreich, und 1469 wurde Matthias von den böhmischen Oppositionellen zum Gegenkönig gewählt. Für den Hunyadi ein wichtiger Schritt, eines Tages zum deutschen Kaiser gewählt zu werden.

Das passte Friedrich III. gar nicht. Okay, zunächst hatte Podiebrad ihm den Allerwertesten vor den Wienern gerettet, nun schützte Matthias ihn vor Podiebrad. Aber deshalb Matthias als König von Ungarn und Böhmen beidermaßen? Der Kaiser konnte das Zusammenwachsen zweier großer Königreiche an seinen Nord- und Ostgrenzen nicht wollen. Als Matthias dann auch noch den Vorschlag machte, er könne ja Friedrichs Tochter ehelichen und stünde damit als Erbe des Habsburger Besitzes zur Verfügung, falls Maximilian in den nächsten Jahren sterben würde, dürfte Friedrich III. nur noch den Kopf geschüttelt haben. In dieser Frage sprang ihm sogar Venedig bei, die Lagunenstadt konnte kein Interesse an einem so starken Ungarn haben, weil sie sich mit Matthias um Dalmatien (Ragusa) stritten. Der Papst war verzweifelt, denn er brauchte gegen die Türken eine leidlich funktionierende Zusammenarbeit zwischen Friedrich und Matthias. Einstweilen genügte es dem Kaiser, dass Matthias Corvinus mit ihm Diplomatie betrieb, das minderte die Entschlossenheit der österreichischen Oppositionellen, die auf Ungarns Unterstützung angewiesen waren.

König Matthias war ein Herrscher jenes Schlags, der gerne auf militärischem Wege Tatsachen schuf. Die ungarischen Truppen der „Schwarzen Schar“ bildeten ein stehendes Heer des Königs und bestanden aus 8.000 Mann Fußtruppen sowie 20.000 Reitern, eine professionelle Armee mit einem hohen Disziplinwert.

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Finanziell war das ein Kraftakt, das stehende Heer verschlang 500.000 der etwa 750.000 Gulden, die Ungarn jährlich an Einnahmen zur Verfügung standen. Das Verhältnis zeigt, wie sehr Corvinus vom und für den Krieg lebte. Nur der versammelten osmanischen Macht war er unterlegen, dem Kaiser, den Böhmen, den Polen, den Walachen und den Moldauern turmhoch überlegen. Trotzdem: Das eigentliche Böhmen konnte Matthias Corvinus nicht erobern, er musste sich einstweilen mit der militärischen Besetzung von Mähren und Schlesien begnügen. Die Polen machten ihm mit Wühlereien unter den ungarischen Adeligen in seinem Stammland nicht unerhebliche Schwierigkeiten, das Königreich murrte über die ihm auferlegten finanziell sehr hörbar.

Anfang 1471 machte Matthias dem böhmischen Podiebrad völlig überraschend ein Friedensangebot: lebenslang die Königskrone für Podiebrad, nach dessen Ableben für Matthias. Nach Matthias' Tod sollte sie an die inzwischen mit Mähren und Schlesien belehnten Söhne Podiebrads fallen. Das waren glänzende Bedingungen, denn sie garantierten nicht nur das Überleben, sondern sogar die Etablierung einer Dynastie. Die Polen hatten in Böhmen ihre eigenen Absichten, sie wollten den Sohn ihres Königs hier auf den Thron bringen. König Kasimir sagte Podiebrad also militärische Hilfe gegen Ungarn zu, und dieser lehnte daraufhin frohgemut Matthias' Angebot ab.

Da schlug der Tod dazwischen: Im Februar 1471 stand Podiebrad noch am Totenbett des hussitischen Prager Erzbischofs Rokycan, am 22. März starb er plötzlich selbst, mit unförmig aufgedunsenen Beinen, so dass er nicht mehr gehen konnte, ein Opfer der Wassersucht. Die böhmischen Stände waren - wie 1457 nach dem Tod des Ladislaus - gefragt, die Thronfolge durch ihr Wahlrecht zu bestimmen. Sie wählten schon im Mai den polnischen Kandidaten Wladislaw, den Sohn des Königs Kasimir.

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Matthias Corvinus hatte als Nichtslawe bei ihnen keine Chance, obwohl hinter Wladislaw weniger reale Machtmittel standen und Matthias an der Kurie einen besseren Stand gehabt hätte, wenn es um die Verteidigung der utraquistischen Freiheiten ging. Den ungarischen Magnaten war die Wahl recht, sie hatten keine Lust mehr, Matthias sein böhmisches Abenteuer zu finanzieren. Im selben Jahr noch fiel Kasimir IV. über die slowakischen Berge hinweg in Ungarn ein, und Matthias musste seine ganze Energie aufwenden, die Lage wenigstens bei sich zu Hause zu stabilisieren.

Kurz: Böhmen hatte nun zwei Könige, den Polen Wladislaw in Prag und als Gegenkönig den Ungarn Matthias. Geteilt war das Land in den Kernbereich der polnischen Seite und andererseits Mähren und Schlesien, das dem Ungarn unterstand. Matthias zürnte, weil er den Kaiser als intriganten Strippenzieher im Hintergrund vermutete. Die Reaktion von Friedrich III. war die listige Antwort, in der er Matthias im September 1472 die öffentliche Anerkennung als böhmischer König und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches versprach. Aus Rücksichtnahme auf die Polen fügte der Habsburger hinzu: sobald der päpstliche Legat die Aussöhnung zwischen Matthias und Kasimir zuwege gebracht hätte. Das war die Form, unter der Friedrich III. sein Nichtwollen verbarg.

Von Ost und West wurde an dem Habsburger gezerrt, denn auch Herzog Charles von Burgund warf wieder seinen Hut in den Ring: er wollte gerne seine Erbtochter Maria mit Maximilian vermählen, dann könnte Charles Römischer König werden, nach dem Tod Friedrichs III. dann der Burgunder Kaiser, Maximilian Römischer König. Wie immer hatte sich Friedrich zunächst einmal abwartend verhalten. Obwohl, das galt auch für Charles – der wollte auf Friedrich III. den Druck der Ungarn wirken lassen, so wie auf Siegmund den Druck der Eidgenossen. Der Burgunder befand sich eh in der besseren Verhandlungsposition, nachdem er sich in Geldern und Lothringen zur Ordnungsmacht aufgeschwungen hatte.

Nach einigem Hin und Her über protokollarische Fragen trafen sich der Herzog und der Kaiser dann am 30. September 1473 bei Metz. Mit prächtigem Gefolge ritten sie einander entgegen. Friedrich wurde begleitet von seinem 14jährigen Sohn Maximilian, dem jungen Hoffnungsträger, und dem leibhaftigen Bruder des Sultans Mehmed II., Osman Calixtus, der von den Christen gefangengenommen, dann konvertiert war, und sich im Reiche seiner Väter nicht mehr sehen lassen durfte. Der Kaiser hatte dazu reinen Haufen Reichsfürsten mit insgesamt 2.500 Mann Gefolge im Schlepptau. Interessanter war dabei, wer alles nicht vertreten war: es fehlten fünf der sieben Kurfürsten. Aber auf jeden Fall verblasste des Kaisers Ehrengeleit vor dem Aufzug, den der Herzog von Burgund präsentieren konnte. Fürsten, Priester, Ritter, Waffenträger, Musiker, alles dabei. Der Herzog selbst war gekleidet im vergoldeten Harnisch und mit goldenem, edelsteinbesetztem Mantel. In seinem Gefolge hatte Charles sogar einen exotischen Papageien aufzubieten, eine Rarität im Abendland. Selbst der musste zum Zwecke mitspielen, denn er krächzte unablässig auf lateinisch: „Die Königskrone für Herzog Karl!“

Zwei Tage liefen die Festlichkeiten anlässlich des Treffens. Nach dem, was wir hier bisher über Friedrich III. gelesen haben, verwundert es nicht, dass er sich von dem Prunk nicht beeindruckt zeigte, als es ans eigentliche Verhandeln ging. Der Kaiser machte deutlich, dass er der alleinige rechtmäßige Träger aller Kronen sei: Der deutschen Krone, der lombardischen, sowie der burgundischen Krone (an die beiden letztgenannten knüpfte sich kein Besitz mehr, sie bestanden aber dem Titel nach fort). Lediglich bei der böhmischen Krone sah der Habsburger einen Spielraum für den Burgunder. Der reagierte enttäuscht und stellte einen Katalog an Gegenforderungen auf: Belehnung mit dem eroberten Geldern, Belehnung mit dem Herzogtum Savoyen (in dem er Vormund der erbberechtigten Fürstenkinder war), Aussöhnung des Kaisers mit dem Arrogator Friedrich von der Pfalz. Die anwesenden deutschen Fürsten fanden das Verlangen vielleicht noch akzeptabel, waren aber vom Auftreten des Burgunders brüskiert. Charles trug an seinem Mantel einen Hermelinkragen, der in der Länge denjenigen der Kurfürsten übertraf! Also machte Friedrich III. einen dem Herzog einen seiner halbseidenen Kompromissvorschläge: Er würde zwischen Frankreich und Burgund den Frieden vermitteln, dann würde man zwischen seinen Kindern und denen des Herzogs Heiraten arrangieren – aber keine Krönung und keine Belehnung zumindest mit Savoyen!

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Tagelang gingen die Beratungen unter Beteiligung der deutschen Fürsten weiter, bis Charles entnervt feststellte, dass das Heilige Römische Reich eine kompliziertere Organisation war, als er es sich vorgestellt hatte. Ohne ein greifbares Ergebnis reisten die Parteien aus Metz ab. Zufrieden gestellt war der Burgunder damit gar nicht. Wozu hatte er einen gut strukturierten Flächenstaat geschaffen, mit einem Militärwesen, das ihn zu Ruhm führen konnte und sollte? Allein: Es gierte Charles nach der ideeller Legitimation seiner Position, und die konnte er sich nicht alleine verschaffen. Es brauchte dazu die Rangerhöhung durch den Kaiser.

Man durfte Charles' Entschlossenheit nicht unterschätzen, er war ein waschechter Soldat, der das asketische Leben im Soldatenlager schätzte, und für den der Prunk des Palastes standesgemäßes Protzen bedeutete. Sein Ehrenverständnis besaß eine gefährliche Empfindsamkeit bis zum unsinnigen Starrsinn: Dem etwas humorvolleren König Louis XI. zürnte Charles sein Leben lang, weil dieser ihn vor dem französischen Hof parodiert hatte. Im Gegensatz zu einigen satten Monarchen der Epoche ging Charles' Arbeitseifer weit über das normale Maß hinaus. Er war intelligent und wollte alles in seinem Land unter seiner Kontrolle wissen. Sogar an die Tische in der Rechenstube seiner Finanzverwaltung setzte sich der Herzog und addierte und subtrahierte höchstpersönlich zusammen mit den niederen Angestellten. Das tat er nicht aus Leutseligkeit oder Neugier: Charles war ein Pendant, ein zu misstrauischer Autokrat, als dass er die Tugend des Delegierens entwickeln konnte. Eigentlich war der Herzog das genaue Gegenbild zum abwartenden Kaiser: Das war nicht sein Ding, Charles musste die Sachen angehen und zupacken (so auch sein Wahlspruch: je l'ai emprins). Er war allerdings kein Matthias Corvinus, der hatte ihm die Nüchternheit voraus, er war auch kein Podiebrad, der neigte mehr zur Diplomatie.

Wenn man weiß, dass Charles ein militanter Hitzkopf war, versteht man sein Einsteigen in die deutsche Fehde zwischen dem Erzbischof Ruprecht von der Pfalz (der mit Burgund verbündet war) und dem Kölner Domkapitel. Die Fehde gab Charles die Gelegenheit zu zeigen, dass er im Westen des Reiches die Hosen anhatte. Gemeinsam mit der Pfalz, mit Kleve und Geldern, marschierte Burgund mit etwa 15.000 Mann ins Rheinland ein und belagerte die Festung Neuss, die von hessischen Truppen des Reiches verteidigt wurde. Das taten sie so gut, dass die Angreifer sich an den Mauern festbissen, allen Kanonen in ihrem Heer zum Trotz. Irgendwann im Herbst 1474 ging Neuss aber langsam das Pulver aus, man rief im Reich nach Unterstützung. Und die deutschen Fürsten reagierten, ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl ergriff sie! Der vorsichtiger agierende französische König Louis XI. hatte die Lage besser eingeschätzt als der burgundische Herzog: So zerstritten und politisch gelähmt das Heilige Römische Reich auch war, das militärische Potential, das in ihm schlummerte, durfte man mit zu starkem Reizen wecken.

Der Kaiser griff die Stimmung mit einer Bereitwilligkeit auf, die den zielbewussten Politiker in ihm verrät. Charles, verkündete er, wolle die Deutsche Nation unter sich bringen. Der Kaiser selber hatte wie immer kein Geld, aber er konnte eine Koalition der Reichsfürsten schmieden, die ein gemeinsames Heer auf die Beine stellte. Am 7. Januar 1475 erklärte Friedrich III. definitiv Burgund den Krieg, und brach zum ersten und einzigen persönlich geführten Feldzug seines Lebens auf. Es dauerte bis zum Mai, bis das Reichsheer sich versammelt und bis nach Köln begeben hatte. Bis dahin war die Verzweiflung in Neuss so groß geworden, dass bereits die Übergabeverhandlungen mit Charles gestartet worden waren. Die Neusser schossen einen Brief nach draußen, dass sie nur noch drei Tage aushalten könnten. Friedrich III. musste sein derzeitiges Lager in Zons (nettes kleines Städtchen gegenüber von Monheim, zu dem ich einige Male gewandert bin) verlassen und dem Herzog ins Angesicht rücken.

Am 24. Mai griff der Herzog überraschend das Reichsheer an, wo man sich angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit bereits auf einen gemütlichen Spätnachmittag einrichtete. Die Sachsen und Trierer stellten mit einem Gegenangriff die Situation wieder her, während die burgundische Artillerie ihnen über die Köpfe schoss. Viermal wurde dabei das Feldherrenzelt des Kaisers getroffen, zweimal schlugen die Kugeln in seinen Reisewagen ein. Auf diese Weise machte der Kaiser Bekanntschaft mit der Waffe der Zukunft, die bei den Türken am weitesten entwickelt war und sich auch bei den Burgundern besonderer Pflege erfreute. Die Majestät schwebte in Lebensgefahr, bis die Dunkelheit hereinbrach und die Kämpfenden ohne Ergebnis trennte. Wahrscheinlich hat sich Friedrich III. in dieser ungewohnten Situation stoisch verhalten, etwas anderes würde gar nicht zu ihm passen.

Das war auch schon der Höhepunkt seiner militärischen Laufbahn gewesen, denn nach einigen leichten Scharmützeln begannen am 28. Mai 1475 die Friedensgespräche. Für beide Seiten war es das beste, denn der Kriegswille innerhalb ihrer Heere begann gleichermaßen zu bröckeln. Das Land herum war ausgeplündert, und vernünftige Nachschublinien gab es zu der Zeit noch keine. Entsprechend schnell wurde man sich binnen eines Tages handelseinig, die Burgunder durften in allen Ehren mit gehobenen Bannern abziehen, die Fehde zwischen Ruprecht und Köln sollte durch Papst und Kaiser geschlichtet werden. Das hätte Charles auch früher so haben können, entsprechend unzufrieden war er bei seinem Abzug. Für Friedrich III. war das gut, der Burgunder war zurechtgestutzt, aber nicht so weit zum Feind geworden, dass eine Verheiratung zwischen Burgund und Habsburg ausgeschlossen worden wäre.

Normalerweise wäre die Fehde vor Neuss an dieser Stelle nicht der Erwähnung wert. Würde ich all die Fehden dieser Größenordnung hier erzählen, würde das den Rahmen sprengen. Sie ist auch nicht deshalb von Belang, weil Friedrich III. hier einmal den Harnisch übergezogen hat, sondern weil sie den Beginn von Charles' Untergang markierte.

Am 9. Mai 1475 hatte der Herzog René von Lothringen im Bunde mit Frankreich und dem Kaiser gegen Burgund den Krieg erklärt. Der Kanton Bern (damals konnte er noch eigenständige Außenpolitik betreiben) eroberte das Waadtland und das untere Wallis von Savoyen, das mit Charles verbündet war.

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Der Burgunder hastete von Neuss aus zu einer Unterredung mit Edward IV. von England. Doch auch Edward zeigte ihm die kalte Schulter, warum sollte er Charles dabei helfen, sich Frankreich untertan zu machen, wenn er mit Louis XI. auch einen günstigen Frieden schließen konnte?

Charles schloss notgedrungen mit Frankreich einen Waffenstillstand und konzentrierte sich auf Lothringen und nahm im November Nancy ein. Der Frieden zwischen Burgund und Frankreich wieder war für Friedrich III. die Notwendigkeit, mit Burgund endgültig übereinzukommen, wenn er politisch nicht alleine mit den Eidgenossen an seiner Seite isoliert dastehen wollte. Im Frühjahr 1476 machte Friedrich III. den Weg frei für die Heirat zwischen Charles' Erbtochter Maria mit Maximilian von Habsburg, dem einzigen Sohn des Kaisers. Sollte Burgund doch Lothringen fressen, wenn er dafür die aussichtsreiche Eheverbindung bekam. Dass Friedrich den Burgunder kurz zuvor noch als Reichsfeind gebrandmarkt hatte, war jetzt nicht mehr wichtig, der Aufruf zur nationalen Einheit hatte seinen Zweck erfüllt. Jetzt konnte geheiratet werden.

Man sollte meinen, dass es nun gut stand für Herzog Charles, aber er arbeitete sich an den militärisch versierten Schweizern ab. Sie schlugen ihn im März 1476 im Waadtland und erbeuteten – das war das Schlimmste! - sein fürstliches Lager mit all seinen privaten herrschaftlichen Kostbarkeiten. Charles verfiel in eine üble Depression und sann nach Rache für diese Schmach. Aus der Ferne warnte König Matthias, er solle sich nicht mit den Schweizern anlegen, aus der Nähe warnten die Mailänder Gesandten. Charles wurde darüber noch hitziger, sein Stolz machte ihn unfrei. Er war ein traditionell (schon aus der Zeit gefallener) ehrenfester Ritter bar der Vernunft und des Maßhaltens und schaltete auf Attacke. Die Eidgenossen zeigten, was sie konnten: Sie machten Savoyen platt und drängten es aus dem Krieg heraus. Nachdem sie sich politisch in Paris rückversichert hatten, nahmen die Schweizer auch noch Nancy ein.

Charles der Kühne zwang noch einmal 10.000 Mann zusammen und begann im kalten Herbst 1476 die erneute Belagerung von Nancy. Während seine Armee in Hunger, Kälte, Desertion und erfolglosem Stürmen dahinschmolz, schrieb er dem Kaiser: Er freue sich über die bevorstehende Heirat ihrer beiden Kinder, der Kaiser möge hierfür Köln oder Aachen für die Feier nach eigenem Belieben bestimmen. Im Dezember 1476 lag auch der kirchliche Dispens zur Eheschließung vor, die Brautleute galten damit für die Heirat als nicht zu nahe verwandt miteinander (ein beliebter Anfechtungsgrund, wenn eine Verbindung nicht mehr opportun erschien). Militärisch war die Lage für Charles aber schwierig geworden, er befahl nur noch über 3.000 Mann im Feld – während die Eidgenossen und René von Lothringen mit über 15.000 Bewaffneten auf Nancy rückten. Nun fluchte der Burgunder, notfalls wolle er dem Lothringer alleine entgegenziehen, und stellte sich am 7. Januar 1477 dem aussichtslosen Kampf auf Leben und Tod. Er wurde zu seinem Untergang, zum Event „Burgundisches Erbe“. Zwei Tage nach der Schlacht fand man seinen entstellten Leichnam, das Gesicht halb im Eis eines Teiches eingefroren und von Wölfen angenagt. Herzog René ließ Charles' nackten Körper zunächst wie eine Trophäe aufbahren und ihn anschließend in Nancy bestatten.

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Da der burgundische Löwe tot war, tauchte nun die Hyäne des Schlachtfeldes auf: Louis XI. von Frankreich. Er holte zu dem bisher größten Versuch aus, die Grenze des Königreichs zu verschieben. An den Statthalter der Champagne erging der Befehl, im Herzogtum Burgund einzurücken. Okay, das war ein französisches Lehen. Die Freigrafschaft Burgund hingegen war Reichsgebiet. Egal, das nahm sich Louis gleich auch, wenn er schon dabei war. Im Norden ging es ebenso mit Artois und Flandern mit seinen reichen Städten Brügge und Gent. Der Appetit des französischen Königs kam beim Essen: Weit über die Lehensrechte hinaus verteilte er schon die Grafschaften Hennegau und Namur an seine Gefolgsleute. Brabant und Holland sollten an die Reichsfürsten fallen, die ihm dafür besonders dankbar sein würden. Die alte Spinne, wie man ihn treffend nannte, spekulierte ganz richtig schon jetzt darauf, dass die Stände dem Kaiser keine Nachfolge im gesamten burgundischen Erbe gönnen würden. Am besten, es würde in seine Einzelteile zerrissen. Oder, noch besser: Maria sollte den Dauphin heiraten und die Erbschaft „umdrehen“.

Maria von Burgund war zwanzig Jahre alt und als Erbin von Burgund die begehrteste Partie in ganz Europa. Alleine die gewöhnlichen Einkünfte aus den niederländischen Städten brachte Jahreseinnahmen von 150.000 Gulden, Sondersteuern etc. kamen extra dazu. Zum Vergleich: Die kaiserliche Städtesteuer umfasste pro Jahr nur 5.000 Gulden! Maria wog ab, wer ihr Erbe wohl am besten vor dem französischen Zugriff schützen kann, und blieb bei der Entscheidung zugunsten des Habsburgers Maximilian. In den Niederlanden hatten man wenig Lust darauf, den Sohn des Kaisers als neuen Herrn zu begrüßen, man wollte sich lieber höhere Autonomie verschaffen. Maria schaffte es, einen Brief an den Wachen vorbeizuschmuggeln und die Ehe vertraglich zu besiegeln. Stellvertretend für den Bräutigam erschien der bayrische Herzog Ludwig in Brügge und schloss mit ihr „per procuram“ die Ehe. Als Vollzug der Ehe, notwendig für ihre Rechtsgültigkeit, reichte es aus, dass Maria sich auf ihr Bett setzte und der Beauftragte des Habsburgers sie mit dem nackten Knie berührte. Okay, sagte man in Flandern, wir akzeptieren das. Die Stimmung in den Niederlanden begann sich gegen Louis XI. zu drehen. Im Grunde wollte man weder von dem Valois noch von dem Habsburger regiert werden. Offenbar schätzten die Städte Maximilian als weniger bedrohlich ein, denn der bekam nicht einmal von den deutschen Fürsten große Zustimmung zu seinem Erbe – sie befürchteten eine Verwerfung in der sensiblen Machtbalance des Reiches. Ein zweiter Reichskrieg war in diesem Falle also nicht mit den Fürsten zu machen. Maximilian musste zusehen, dass er selbst rasch nach Burgund kam, damit ihm das Erbe seiner Frau nicht weiter in den Händen zerrann.

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Der Satz von dem glücklichen, weil heiratenden Österreich wirkte sich nicht so friedlich aus, als man erwarten sollte. Je größer die erheiratete Erbschaft, desto erboster die Neider, und wenn sie gar den ganzen Besitz Charles des Kühnen umfasst, dann hat sie fast unweigerlich Krieg zur Folge. Österreich musste Krieg führen, gerade weil es heiratete. Der unerfahrene Erzherzog Maximilian wurde nach seiner Hochzeit mit Maria direkt in die harte Schule von französischer Aggressivität, niederländischer Aufsässigkeit und auch kaiserlicher Machtlosigkeit gezwungen. Das klappte aber ganz gut: Mit Frankreich gelang immerhin der Abschluss eines Waffenstillstands, der bis 1479 verlängert wurde. Das Scheitern Charles des Kühnen gegen die Eidgenossen war Louis XI. eine Warnung, sich nicht auf einen gleichartigen Krieg einzulassen. Frankreich begnügte sich damit, die bereits besetzten Gebiete nicht zu räumen, die Truppen blieben dort, wo sie standen. Die niederländischen Städte beruhigte Maximilian mit der Bestätigung ihrer alten Privilegien. Und mit Maria verstand sich Maximilian richtig gut! Es war ein seltener Fall, bei dem eine arrangierte Fürstenhochzeit in tatsächliche Liebe zwischen den Eheleuten mündete. Der stattliche und leutselige Maximilian – im Wesen ganz anders als sein verschlossener Vater – gewann durchaus das Vertrauen seiner Untertanen. Am 23. Juni 1478 errangen Maximilian und Maria den ersten großen Sieg über die Franzosen: ihnen wurde ein Thronfolger geboren, den sie Philipp nannten. 1480 folgte die Geburt der Tochter Margarete.

Nach Ablauf des Waffenstillstands, das war klar, würde 1479 der Krieg gegen Frankreich wieder losgehen. Maximilian bereitete sein Heer auf diese Probe vor, auch wenn französische Agenten in den Niederlanden das beunruhigende Gerücht streuten, Maximilian würde die hier erhobenen Steuern zweckentfremden und an seinen Vater weiterleiten. Er hatte Glück, dass sich die erfahrenen Heerführer des Kühnen ihm aus beruflichen Ehrgeiz zur Verfügung stellten. In der Kriegsführung zeigte sich der junge Habsburger aufgeschlossen gegenüber der wenig traditionellen Kampfweise mit massierter Infanterie, wie sie die Schweizer erfolgreich praktizierten. Er warb in Flandern 11.000 Fußknechte an, die er mit Spießen und Hellebarden bewaffnete und im dichten Rechteck aufstellte.

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An einem solch waffenstarrenden Igel sollte sich die französische Kavallerie zuschande reiten. Maximilian begriff dieses Prinzip als geborener Taktiker sofort und errang bei seinen Truppen Anerkennung, weil er höchstpersönlich den Drill führte. Keine Selbstverständlichkeit für einen Kaisersohn, der in Ritterromantik aufgewachsen war.

Mit dieser fähigen Truppe trat der Habsburger im August 1479 den Franzosen entgegen – und gewann die harte Schlacht. Verächtlich kommentierte der französische König: „Soll er doch Blumen pflanzen auf seinem Schlachtfeld!“ Was Louis XI. damit ausdrücken wollte, war, dass Frankreich eine verlorene Schlacht verkraften konnte, ohne dass gleich der Krieg verloren war. Er lag damit richtig, Maximilian hatte nicht die materiellen Reserven für einen Gegenschlag. Aber immerhin: Im weiteren Verlauf der Kampfhandlungen hielt Maximilian seine Position in Burgund. Die Franzosen mussten anerkennen, dass sie den Habsburger nicht einfach aus seinem Erbland verdrängen konnten. Das war angesichts der Kräfteverhältnisse schon schon als ein Sieg für den Habsburger anzusehen.

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Die unruhigen Provinzen Holland und Seeland mussten befriedet werden (hier wollte ein früheres Fürstenhaus zurück an die Macht), das ging nicht ohne Gewalt, Massenexekutionen und Erpressungen, wie sie der Krieg mit sich bringt. Wer nicht auf der Seite des Habsburgers stand, wurde dadurch erst recht in die Arme seiner Gegner getrieben: Den Krieg vor Ort musste Maximilian nämlich mit den Einnahmen aus just diesen Regionen bestreiten, weil er aus dem Reich keine Unterstützung erhielt. Klar, dass dies die Niederländer erbitterte. Politisch versuchte Maximilian nun, Partner gegen Frankreich zu gewinnen und verband sich mit der Bretagne. Louis XI. wurde zunehmend krank, und Maximilian gedachte, mit dem Herzog der Bretagne über dessen unmündigen Erben herzufallen. Edward IV. war mit dem Plan zufrieden, auch wenn er sich hütete, selber Truppen über den Kanal nach Frankreich zu schicken.

Aber da erlitt der Erzherzog seine erste große Niederlage: Anfang März 1482 verunglückte seine schwangere Frau Maria bei einem Reitunfall tödlich (schon wieder so ein Event). Das Prekäre daran war, dass die Untertanen ihm zu verstehen gaben, dass er nur ein eingeheirateter Herrschergemahl sei, der seine Legitimität lediglich aus seiner Vormundschaft für den vierjährigen Sohn und Erben Philipp erhält. Das burgundische Erbe hing an dem zarten Leben des kleinen Kindes! Mehr noch, Maximilian wurde von den Ständen ein Vormundschaftsrat beigegeben, der sofortigen Frieden mit Frankreich verlangte.

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Und über dessen Zustandekommen hatte der Rat konkrete Vorstellungen: Tochter Margarete sollte den französischen Thronfolger heiraten, als Morgengabe durften Artois und Burgund dienen. Angesichts des erneuten französischen Vormarsches, befohlen von dem kranken Louis, den die unanständige Freude über den Tod der Herzogin mit neuen Lebensmut erfüllte, nahmen die Stände gar die Verhandlungen mit Paris in die eigenen Hände.

Die Genter bemächtigten sich der beiden Kinder Philipp und Margarete, in den Niederlanden brachen neue Unruhen aus. Ohne Hilfe von außen blieb Maximilian 1483 nichts anderes übrig, als der Verheiratung seiner Tochter mit dem Dauphin zuzustimmen. Mit ihrem Erbe sollte ein erkläglicher Teil von Burgund an Frankreich gehen. Und sollte Philipp plötzlich sterben, würde sein Anteil ebenfalls über Margarete an den Dauphin fallen. Offenbar war Maximilian mit seinem glücklich erlangten Erbe Burgund auf die Schnauze gefallen!

Der Vater konnte da nicht helfen, denn dem saß Corvinus im Nacken. Im Osten war nach dem Tod von Podiebrad noch Matthias Corvinus der gefährliche Rivale des Kaisers. Polens Kasimir versuchte, den Ungarn in Böhmen in die Schranken zu weisen, aber Matthias war militärisch nicht so einfach beizukommen. Im April 1479 schlossen Polen und Ungarn Frieden miteinander, es blieb bei der Aufteilung von Böhmen. Die Utraquisten behielten in Wladislaw einen laschen König, Matthias behielt Mähren, Schlesien und die Lausitz, der Orden musste seine Revisionspolitik gegen Polen fallenlassen. Nach elf mühseligen Jahren saß Matthias fest im Sattel, seinen Konkurrenten Wladislaw kreiste er mit einem Kranz ergebener Reichsfürsten ein. Ohne den ungarischen König lief im Osten nun nichts mehr, das musste Friedrich III. einsehen. Er sollte bald noch mehr Ärger mit Matthias bekommen, denn Corvinus war nicht dazu bestimmt, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Es gab für ihn noch etwas aus der Welt zu schaffen: Matthias wollte nach seinem Tod Ungarn nicht an die Habsburger, sondern an seinen unehelichen Sohn Johann übergeben. Davon musste er wohl Friedrich III. mit ein wenig Gewalt überzeugen.

Angesichts der Türkengefahr hatte das etwas Gehässiges an sich. Denn inzwischen hatte der todkranke Sultan Mehmed II. einen energischen Versuch unternommen, dem Johanniter-Orden in ihrer Festung Rhodos das Licht auszublasen. Mehmed scheiterte, aber das Blutbad, in dem sein Sturm unterging, beunruhigte das Reich 1480 ziemlich. Es war klar, dass der Sultan nach Rhodos zurückkehren würde. Parallel dazu hatte die türkische Eroberung von Ottranto an Neapels Meeresstraße Angst in ganz Italien und darüber hinaus verbreitet. Der Papst erwog bereits, nach Avignon zu fliehen, weil der Sultan angeblich plante, durch Italien nach Südfrankreich zu ziehen, um sich dort mit den islamischen Truppen aus Granada zu vereinigen. Die deutschen Fürsten wussten nicht, dass Mehmed bereits dahinsiechte und solche Ideen nur noch Caesarenwahn darstellten. Im Mai 1481 starb der Sultan, aber was sollte man von seinem Nachfolger Bayezid II. erwarten? (er war friedensbereiter als Mehmed und schloss später Frieden mit den Johannitern und räumte auch Ottranto)

Da lagen die großen Probleme der Christenheit, und der Kaiser schlug sich kleinlich um Ortschaften in Österreich – und mit König Matthias, dem doch die Frontstellung gegen die Türken zufallen musste. Der Ungar wollte seinen Mangel an langfristiger politischer Perspektive durch militärische Kraftentwicklung wettmachen. Sprich: Er marschierte in Österreich ein, zwang Kärnten in die Knie und machte sich an die Belagerung der kaiserlichen Festungen im Land. Im Felde hatte Ungarn die Übermacht, nur seinen Generälen mangelte es an Belagerungspunkten. Friedrich III. konnte die Umklammerung Wiens nicht verhindern, Matthias kam aber nicht hinein. So zog sich die Sache noch lange Zeit hin.

Der Kaiser musste bei den Reichsfürsten um Hilfe betteln gehen. Auch Maximilian musste sich nun entscheiden: Sollte er aus Burgund abziehen und dieses Erbe womöglich endgültig sausen lassen? Das erschien ihm weniger schlimm als der drohende Verzicht seines Erbanspruchs auf die ungarische Krone, den das geduldige Papier von 1463 noch immer aufbewahrte. Wie immer zogen sich die Verhandlungen über einen Kompromiss ewig hin. Im Juni 1485 hatten die belagerten Wiener die Nase voll, für ihren machtlosen Kaiser den Kopf hinhalten zu müssen, und ließen Matthias in ihre Stadt einziehen. Der absolute Tiefpunkt im Leben des Herrschers Friedrich III. war erreicht. Trotzdem hielt er seinem Rivalen Matthias unbeirrt die Urkunde von 1463 entgegen, nach der Maximilian sein Nachfolger in Ungarn sein würde. Der Corvinus hätte das Problem beseitigen können, wenn die Reichsfürsten ihn darin unterstützt hätten. Aber die wollten nicht, Matthias fehlte es nach ihrer Meinung an einem ausreichend hohen Legitimitäts-Wert. Sie änderten ihre Haltung auch nicht, als Matthias die Flucht nach vorne antrat und die Römische Krone für sich einforderte. Blöde Sache also: Matthias hatte einen guten Teil von Österreich besetzt, aber trotzdem keinen ausreichend hohen Warscore.

Angesichts des hohen Alters des Kaisers standen die deutschen Fürsten 1485 tatsächlich vor der Frage, wer die Römische Krone erhalten und damit designierter Thronfolger werden sollte. Die Kurfürsten bzw. ihre Dynastien neutralisierten sich politisch gegenseitig. Da fruchtete Maximilians rege diplomatische Arbeit, die er in letzter Zeit innerhalb des Reiches an den Tag gelegt hatte. Das und sein einnehmender Charakter brachte die Fürsten dazu, ihn ernsthaft für die Wahl in Betracht zu ziehen.

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Er war fähig, aber nicht verbohrt wie sein Vater. Es war nicht zu erwarten, dass er nach seiner Wahl zu viel oder zu wenig Macht haben würde. Ein gutes Mittelmaß, um innenpolitisch die Reichsreformen in vernünftigen Bahnen voranzubringen, und außenpolitisch eine Koalition gegen die Türken anzuführen. Dass Maximilian militärisch was auf dem Kasten hatte, hatte er ja schon gegen Frankreich und zuletzt auch wieder in den Niederlanden unter Beweis gestellt gehabt: Im Juli 1485 war es Maximilian gelungen, das rebellische Gent zu unterwerfen.

Ironischerweise war es sein Vater Friedrich, der heimlich Vorbehalte gegen eine Krönung Maximilians hegte. Nicht, dass der Junge leichtfertig einen faulen Kompromiss mit Ungarn eingeht, nachdem der Kaiser jahrzehntelang das Problem durch Aussitzen vor sich herschieben konnte! Nach Außen gaben sich Vater und Sohn natürlich einig, hinter den Kulissen rappelte es aber durchaus zwischen den so unterschiedlichen Charakteren. Im Jahre 1486 ging auf einmal alles sehr schnell, Maximilian wurde zum Römischen König gewählt und gekrönt, damit war er als künftiger Kaiser designiert. Die Habsburger Dynastie war auf dem Thron bestätigt, obwohl sie keine Mittel an der Hand hatte, diese Entscheidung zu erzwingen. Die Kurfürsten ahnten nicht, dass sie sich damit zum Steigbügelhalter der bald mächtigsten Dynastie Europas gemacht hatten. Kurzfristig waren sie zufrieden damit, Ungarn den Weg auf den Thron versperrt zu haben.

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Natürlich kochte auch Maximilian nur mit Wasser. Eine endgültige Reichsreform oder einen Feldzug gegen die ungarische Besetzung Österreichs brachte er auch nicht zuwege. Aber immerhin einen zehnjährigen Landfrieden und einige gute Worte der Fürsten für die bedrängten Österreicher. Nach dem Tode von Albrecht Achilles wurde Maximilian am 9. April 1486 in Aachen, in Anwesenheit des Kaisers, zum Römischen König gekrönt. Ganze 350 Gulden standen zur Verteilung als Krönungsgeschenk an das Volk zur Verfügung, mehr gab die Kasse der hoffnungsvollen Großmacht nicht her.

Der durch die Krönung düpierte Matthias war natürlich sauer und protestierte, dass seine Kurfürstenstimme in seiner Eigenschaft als böhmischer König nicht berücksichtigt worden sei, er war nämlich zu der Wahl erst gar nicht eingeladen worden. Macht nichts, hielt man ihm vor, laut Goldener Bulle reichte zur gültigen Wahl eine Mehrheit bei den abgegebenen Stimmen – also vier der sieben möglichen. Matthias knurrte, dann stünden ihm aber die in der Goldenen Bulle für Nichtladung vorgesehene Strafe von 1.000 Gulden zu. Okay, hieß es. Bekommen hat er das Geld nie. Aber hatte ja noch immer seine Hand auf Österreich.

Um ein Haar hätte es noch einen weiteren Abgrund gegeben, an dem die Habsburger auf ihrem Weg zur Weltgeltung hätten abstürzen können: Er lag innerhalb des Reiches. Die Wettiner hatten darauf verzichtet, aus ihrer respektablen Hausmacht reichspolitisches Kapital zu schlagen, die Hohenzollern hatten mit Albrecht Achilles ihren klügsten Kopf verloren; sein Sohn und Nachfolger Johann achtete auf ein gutes Verhältnis zu Wladislaw von Böhmen und fiel daher nicht in die Waagschale der kaiserfeindlichen ungarischen Macht. Anders ging es in Bayern. Hier setzte sich Albrecht IV. nichts Bescheideneres zum Ziel als die Wiederherstellung des geeinten Herzogtums Bayern. Das bedeutete, dass er die mittlerweile habsburgischen Lande in Bayern in die Hand bekommen musste. Mit Georg von Landshut war sich Albrecht IV. innerhalb Bayerns einig, jetzt musste der Habsburger Siegmund von Tirol umgarnt werden. Der Kaiser hatte kein Geld und war in der großen Politik unbestechlich. Sein Cousin Siegmund hatte auch kein Geld, war aber bestechlich – er führte ein aufwendiges Leben als Fürst und soll vierzig uneheliche Kinder gehabt haben. Trotz der reichen Silberbergwerke Tirols, die Siegmund den Beinamen „der Münzreiche“ einbrachten, war er bei den Fuggern hoch verschuldet. Albrecht IV. hatte vor, die Fugger aus dieser Position raus zu drängen und selber Siegmunds Gläubiger zu werden. 1478 stellte er mit einem Vertrag gute Beziehungen zu ihm her, versprach 300 Mann Kriegshilfe für einen möglichen Konflikt Tirols mit Württemberg. Albrecht bestach die Räte Tirols, darunter die bizarre Witwe des Hofmeisters, die Siegmund Geisterstimmen aus dem Kachelofen simulierte und damit beeinflusste wie das Orakel von Delphi einst die leichtgläubigen unter den alten Griechen.

Für bayrischen Kredit, der durch den Kachelofen an den Fuggern vorbei vermittelt wurde, musste es sichernde Pfandschaften im Lande geben. Zum Beispiel die Ausbeute aus den Silberbergwerken oder auf Günzburg und Burgau. Der Kaiser murrte, Siegmund solle nicht das Habsburger Hausgut verschleudern, verbieten konnte er ihm nicht. Aber der richtige Ausverkauf kam noch. Der Bayer Albrecht entbrannte in Liebe zur 18jährigen Tochter des Kaisers, Kunigunde. Man könne die unangenehme Sache mit den Schulden doch vergessen, schlug Albrecht IV. vor, wenn man ihr Kunigunde zur Frau gebe. Natürlich nur, wenn sie in diesem Zuge ihre Habsburger Erbansprüche mit in die Ehe bringen würde. Die Hochzeit fand 1487 statt und zeigte, wohin die Wittelsbacher strebten: in eine Beerbung der Kaiserdynastie durch die Bayern. Friedrich III. konnte der Ehe zumindest in diesem Punkt widersprechen: Ohne seine Erlaubnis durfte Kunigunde ein Erbverzicht weder gültig leisten noch ausschließen. Tirol als solches hatte Siegmund aber quasi an die Wittelsbacher verscheuert, und die machten sich hier nun als Hausherren breit.

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Friedrich III. erkannte die existenzielle Gefahr: Wenn sich Bayern nun mit Ungarn zusammenschloss, konnten sie womöglich das dazwischen liegende Österreich unter sich aufteilen. Der Kaiser wurde ausnahmsweise einmal aktiv und warb in Schwaben und Tirol um Partner, die der Eheschließung und der damit verbundenen bayrischen Übernahme Tirols entgegentraten. Plötzlich war – zumindest für Süddeutschland – die Reichsreform für einen Landfrieden schnell über die Bühne gebracht. Der Kaiser genehmigte den Städten und Rittern sogar die Gründung eines „Schwäbischen Bundes“, dem auch Württemberg und Baden beitraten. Eine Koalition gegen Bayern, es drohte einer der EU4-Bestrafungskriege. Im Oktober 1487 fühlte sich Friedrich III. sicher genug, die Ratgeber Siegmunds für vogelfrei zu erklären, darunter auch die Dame mit den Geisterstimmen aus dem Kachelofen. Die derart Gezeichneten steckten schleunigst ein, was sie noch erraffen konnten, und verließen die Grafschaft. Den Wittelsbachern schwankte der Boden unter den Füßen, als kein anderer als Siegmund ihnen die Freundschaft kündigte und auch dem Schwäbischen Bund beitrat.

Die drohende Kriegsmacht des Bundes war gewaltig. Aber sie setzte sich 1488 nicht nach Bayern in Bewegung, sondern unvermutet in die Niederlande. Kaiser Friedrich brauchte das Heer hier, um einen Reichskrieg zu führen. Die Bürger von Brügge hatten ihre Frechheit auf die Spitze getrieben und den Römischen König und zukünftigen Kaiser Maximilian im Hause eines Gewürzkrämers schmählich in lebensgefährliche Gefangenschaft gesetzt!

Was hatte Maximilian in der Zwischenzeit getan, dass er in diese Lage geriet? Die Jahre zwischen 1483 und 1485 standen unter dem Eindruck der Suche nach Verbündeten im Ausland. England schied dafür aus, spätestens nachdem Richard III. von Henry VII. gestürzt worden war. Der Tudor hatte kein Interesse an dem früheren Bündnissystem mit Burgund und der Bretagne. Auf dem Kontinent hatte England sowieso fast alles eingebüßt. Auch in Frankreich hatte es einen Wechsel an der Spitze gegeben: Louis XI. war nach langer Krankheit gestorben und vererbte die Krone an seinen Sohn Charles VIII., der zunächst einmal von einem Regentschaftsrat vertreten wurde. Innerhalb von Frankreich bandelte Maximilian mit oppositionellen Adeligen an, darunter mit dem Herzog Louis von Orleans, der uns später noch als König Louis XII. begegnen wird. Und dann setzte sich der Römische König noch ins Einvernehmen mit Ferdinand von Aragon, der ab 1479 zusammen mit Isabella von Kastilien das auf diplomatische Weise neugebildete Königreich Spanien regierte.

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Das hört sich alles gut an, aber Maximilian kam nicht von der Stelle. Die Bretagne und die Oppositionellen in Frankreich erwiesen sich als unfähig, etwas gegen Charles VIII. auf die Beine stellen. Die Schweizer Söldner liefen nach einem wirkungslosen Streifzug durch Artois und die Picardie davon, weil sie zu wenig Geld bekamen. Die deutschen Söldner prügelten sich mehr mit den Stadtbürgern als mit dem Feind, und dazu kam noch eine sehr schmerzliche Niederlage im Juli 1487, bei der viele niederländische Adelige auf der Seite Maximilians fielen. Der Habsburger wollte die englische Krone im Kampf gegen Frankreich wieder stärker auf seine Seite ziehen. Er begünstigte deshalb vor allem den Handel mit England, von dem vor allem Antwerpen zum Schaden von Brügge und Gent profitierte. Die Einbußen im Handel und unvermindert hohe Steuerabgaben zur Kriegsfinanzierung führten erneut zu Aufständen in den Städten Flanderns. Ein gewisser Coppenhole, Strumpfwirker seines Zeichens und Exponent der Handwerkerschaft, fand sich in Gent ein und stellte eine Schlägertruppe mit dem Namen „Weiße Garde“ auf, die die Stadt zu terrorisieren begann. Im Herbst 1487 gewannen die unteren Stände auf diese Weise wieder die Oberhand, sie entledigten sich der Patrizier und der von Maximilian eingesetzten Verwaltung, vertrieben die burgundische Besatzung aus der Stadt und machten ihr eigenes Ding: Sie riefen eine Art Stadtrepublik aus und unterwarfen sich der französischen Lehnshoheit. Damit war Charles VIII. der neue und rechtmäßige Graf von Flandern!

Es kam noch deutlich schlimmer für Maximilian. Der wollte das Abfallen von Gent natürlich nicht hinnehmen und rüstete für einen Kriegszug gegen die Stadt bzw. ihrer französischen Schutzmacht. Zu diesem Zweck begab sich Maximilian nach Brügge, um hier Geld für die Truppen zusammenzukratzen. Mit seinen Forderungen überspannte er den Bogen, die Stimmung in Brügge war sowieso schon feindselig gegen den Habsburger gewesen, weil er vorher Brügges Konkurrenten Amsterdam bevorzugt behandelt hatte. Die Geiselnahme des Römischen Königs entzündete sich an der Forderung Coppenholes nach Auslieferung der regionalen Hofbeamten, die man der Veruntreuung beschuldigte. In den Tumulten setzte die Weiße Garde Maximilian in einem Haus fest, ein unglaublicher Vorgang.

Aggressiv redete man auf ihn ein: Er solle die Verbrecher ausliefern, die das gute Geld der Bürger aus dem Land einsteckten. Wenn das nicht geschehe, dann müssten dem Volkszorn eben einige Köpfe seiner Getreuen geopfert werden. Coppenhole machte Maximilian das vergiftete Angebot, er solle doch seinen Sohn Philipp den Ständen ausliefern und die Niederlande verlassen, dann bekomme er vielleicht eine Entschädigung. Als Maximilian die Forderungen stoisch zurückwies, machte der Pöbel ernst. Vor den Augen des Königs wurden auf dem Hauptmarkt einige seiner Räte gefoltert, gestreckt und gezwickt, bis sie unter dem Gejohle der Zuschauer wimmernd gestanden, sie hätten Truppen in die Stadt holen wollen, um unter der braven Bevölkerung ein Blutbad anzurichten. Dann baten sie um den Tod als Erlösung von ihren Qualen, aber es wurden erst einige enthauptet, nachdem sie noch einmal öffentlich gefoltert worden waren. Maximilian aber blieb bei seiner Weigerung, die Forderungen der Aufständischen zu erfüllen. Den Bürgern fiel darauf nichts rechtes ein, als weiterhin in Blut zu waten, Parteigänger des Königs zum öffentlichen Gaudium hinzurichten und die Reichen, deren Gesinnung nicht einwandfrei schien, mit Plünderungen heimzusuchen.

Nach einiger Zeit gelang es Maximilian, einen Hilferuf an den Kaiser nach außen zu schmuggeln, in der Schuhsohle eines treuen Dieners. Der Vater reagierte mit donnernden Aufforderungen zum Reichskrieg, die den 72jährigen Friedrich III. auf der Höhe seiner Energie zeigten. Solange er lebe, rief er aus, werde er nicht ruhen, bis dieser Verrat gebührend bestraft sei. Ende April 1488 waren 11.000 Mann Fußvolk und 4.000 Reiter für das Reichsheer beisammen, mit denen der Wittelsbacher Christoph (ein Bruder des Herzogs Albrecht IV.) nach Westen zog.

Da ging den Bürgern von Brügge doch die Düse. Das Reichsheer vor der Tür, der Papst drohte mit dem Kirchenbann, England, Spanien und Portugal protestierten gegen die Gefangennahme Maximilians, Spanien schickte sogar seine Flotte Richtung Flandern. Immerhin hatten die Brügger aber Holland und Zeeland im Rücken, und natürlich Frankreich. Trotzdem erschien es vernünftig, von Maximilians Person abzulassen. Man kam nun zu dem Schluss, dass Maximilian bestimmt nichts gewusst habe von den Machenschaften seiner Verwaltung. Also Schwamm drüber, sofern der König auf die Vormundschaft für Philipp verzichtete, das Reichsheer abzog, Maximilian sein Bündnis mit der Bretagne löste und den bisherigen Friedensvertrag mit Frankreich bestätigte. Dafür sollte er 50.000 Gulden Schadensersatz erhalten, als Pfand für die Einhaltung des Vertrags hatte sich der Herzog von Kleve als Geisel nach Gent zu begeben.

Im Mai 1488 unterzeichnete Maximilian den Brügger Vertrag, in dem die genannten Bedingungen zusammengefasst waren – nicht aber, ohne auf seine Zwangslage im Augenblick der Unterzeichnung hinzuweisen. Zum Vertrag gehörte auch der Akt der öffentlichen Versöhnung: In einer feierlichen Prozession versprach der König, den Bürgern von Brügge zu verzeihen und sich beim Kaiser für sie zu verwenden. Die Bürger bekannten sich zu ihrer Schuld und baten den König dafür um Verzeihung. Ein feierliches Hochamt schloss den Versöhnungsakt ab. Die Hauptsache war, dass Maximilian raus kam aus Brügge. In dem Moment, da das Reichsheer anrückte, war sein Leben wohl besonders gefährdet, also nichts wie weg. Der Römische König wies bei seinem Abschied noch freundlich darauf hin, dass der Kaiser sich die Gelegenheit zur Rache trotz seiner Freilassung vielleicht nicht werde nehmen lassen. Und so kam es auch.

In Löwen konnte der Kaiser seinen Sohn wieder in die Arme schließen. Im Angesicht der umstehenden Fürsten kniete Maximilian vor seinem Vater nieder und dankte ihm, dass er ihm zum zweiten Male das Leben geschenkt habe. Es war mal wieder typisch für Friedrich, dass er den Kniefall des Geretteten in unbewegter Majestät entgegennahm. Sobald die Fürsten sich entfernt hatten, machte er seinem Sohn schwere Vorwürfe, welch einen schändlichen Vertrag er sich habe abnötigen lassen. Friedrich III. nannte allerlei Punkte, warum dieser nichtig sei: Der Sohn habe ohne die Zustimmung des Vaters gar nichts abmachen können, abgepresste Versprechungen seien von selbst ungültig, und die Schande des Hauses Habsburg fordere Vergeltung. Frieden gebe es erst, wenn die Aufrührer bestraft, die Franzosen besiegt und die ganzen Niederlande wieder in der Hand des Kaisers seien. Die anwesenden Reichsfürsten stimmten zu, das gemeinsame Heer nun auch einzusetzen und die Rebellen zu besiegen, wenn man schon einmal vor Brügge stand.

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Gesagt, getan? So einfach machten es die flandrischen Städte den Reichsfürsten nicht. Offenbar war der Herzog von Kleve, der ja als Geisel für die Einhaltung des Vertrags zu bürgen hatte, nicht davon begeistert, dass der Kaiser den Brügger Vertrag schlicht zerrissen hatte. Der Herzog wechselte die Seiten, er ging zu den Aufständischen über. Das Reichsheer verwüstete zwar gründlich das offene Gelände in Flandern, die befestigten Städte einzunehmen erwies sich aber als langwierig. Irgendwann zogen die Reichsfürsten ihre Truppen ab, sollten die Habsburger doch selber den Rest erledigen. Das Dumme war, dass Maximilian ziemlich pleite war und ihn Schulden drückten. Er sah keine andere Möglichkeit, als den Button zur Geldentwertung zu drücken. Er verringerte den Silbergehalt seiner Münzen drastisch, um genügend Geld für seine Söldner aufbringen zu können. Das guckte sich der Adel nicht lange an, im Jahre 1489 musste Maximilian zur Politik des stabilen Geldes zurückkehren. Er ließ den Mut nicht sinken, hielt an dem Bündnis mit der Bretagne fest. Auch Henry VII. von England stellte er die einleuchtende Frage, welchen Vorteil der Tudor denn von seinem Vertrag mit Frankreich habe, wenn er es nicht auf die Ländereien der Habsburger abgesehen habe. Stimmt eigentlich, stimmte Henry zu, und schickte Söldner über den Ärmelkanal, die den Franzosen gehörig zusetzten. Spanien blieb Maximilian zumindest wohlgesonnen, und die Reichsfürsten beauftragten Herzog Albrecht von Sachsen mit der Fortsetzung des Krieges gegen das abtrünnige Flandern. Gut für Maximilian war auch, dass sich innerhalb des französischen Lagers Risse zeigten: Die französischen Aristokraten ekelten sich vor der Zusammenarbeit mit Proletariern wie Coppenhole. Und König Charles VIII. hatte andere Träume, als sich in Flandern festzubeißen. Er wollte gerne einen Kreuzzug anführen, als Sprungbrett zum Orient sollte ihm das Königreich Neapel dienen. Charles VIII. verfolgte also die Mission „Italienische Ambitionen“, die Anspruchsgrundlage hierfür war die frühere Herrschaft der Anjou über Neapel. Konnte den Habsburgern nur recht sein, wenn Frankreich seine Energien in eine andere Richtung lenkte.

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Von hier bis zu einer Einigung zwischen Charles und Maximilian war es nicht weit. Im Oktober 1489 akzeptierte Frankreich also, 1. dass Maximilian der Vormund seines Sohnes Philipp bleibe, 2. die Kranenburg, in der Maximilian festgesetzt worden war, niedergerissen werden solle, 3. seine Unterwerfung vom Mai 1488 ungültig sei, 4. die Ratsherren der abtrünnigen Städte in schwarzer Kleidung und auf den Knien vor Maximilian um Verzeihung bitten sollen, und 5. diese Städte ihm in den nächsten drei Jahren 300.000 Gulden Schadensersatz zu zahlen hatten. Dafür musste der Römische König den Flandern ihre Privilegien und Freiheiten bestätigen.

Charles VIII. war zufrieden, dass er im Norden seine Ruhe hatte – und der Papst war froh, dass sich der französische König nun hoffentlich auf einen neuerlichen Kreuzzug konzentrieren konnte. Matthias Corvinus traute man inzwischen nicht mehr zu, die Speerspitze der Christenheit zu sein. Für Maximilian und den Kaiser war der Frieden mit Paris auch okay, sie hatten jetzt endlich die Hände frei, den bayerischen Herzog zu bändigen (Maximilian konnte bald Tirol zurückkaufen) und den ungarischen König aus Österreich zurückzudrängen. Das war für die Hebung der Kaisermacht wichtiger als der faktische Verlust Flanderns, zumindest dürfte Friedrich III. so kalkuliert haben. Das dürfte der französische König Charles VIII. nicht bedacht haben, wie ihm die Historiker die politische Klugheit insgesamt weitgehend absprechen.

Maximilian brannte nun darauf, Matthias Corvinus persönlich zu Gesprächen zu treffen, doch der ungarische König war für ein Gipfeltreffen schon zu schwer erkrankt (obwohl dieser an dem Treffen durchaus interessiert war, weil er Maximilian dem hartleibigen Friedrich III. vorzog). Matthias sah seine Tage gezählt und hatte nur einen Wunsch an den Kaiser – er möge seinen Sohn Johann als Thronfolger in Ungarn akzeptieren. Für Friedrich III. war das eine gute Nachricht, zutreffend schloss er daraus, dass Matthias nicht mehr lange zu leben hatte und der ungarische Adel darauf wartete, ihren König loszuwerden. Der Kaiser erklärte sich bereit, Johann als König von Bosnien und Kroatien anzuerkennen – unter der ironischen Einschränkung, falls dieser dort Zustimmung finde. Und im übrigen habe Matthias Österreich zu räumen und Schadensersatz für die Besetzung zu zahlen. Das waren für den Ungarn zu harte Bedingungen, er weigerte sich.

Die Zukunft zeigte, dass Matthias damit alle Chancen für eine Nachfolge Johanns verspielt hatte, denn nun wurde aus dem ganzen Verhandlungspaket nichts. Er hatte sich an Friedrich III. gewandt, um seine eigene Gemahlin zu überspielen, die ihren verhassten Stiefsohn Johann als Nachfolger ausschalten wollte. Tja, antwortete der Kaiser, dann steht der Vertrag von 1463, nach dem der ungarische Thron von den Habsburgern geerbt werden sollte. Maximilian hätte mit Matthias wohl einen Deal geschlossen, doch ohne seinen Vater konnte er hier keinen Vertrag eingehen.

Einige Monate der Verhandlungen verstrichen, für den geduldigen Kaiser eine überschaubare Zeitspanne, für Corvinus der Schlusspunkt: Am 4. April 1490 starb er qualvoll in dem von ihm besetzten Wien. So wie Frankreichs Louis XI. sich einst über den Tod der burgundischen Herzogin Maria gefreut hatte, jubelte jetzt ebenso der greise Kaiser, dass der bedrohlichste Gegner für das habsburgische Erbrecht auf Ungarn vergangen war.

Frei war der Weg allerdings noch nicht. Dass sich der Kaiser mit seinem Sohn darüber stritt, wem von den beiden denn nun die Nachfolge zustand, war da eher eine Randnotiz. Gewichtiger war der Anspruch des Jagellonen Wladislaw, der neben Böhmen nun auch Ungarn haben wollte. Offiziell hatten die ungarischen Adeligen das Wahlrecht, und unter ihnen war man sich einig, dass ein Habsburger auf ihrem Thron, somit eine Union Österreich-Ungarn, eine Politik in Richtung Türkenkrieg bedeutete. Darauf hatten sie keine Lust, es hätte eine Disziplinierung des ungarischen Adels erfordert. Nein danke, dann wollten die doch lieber den umgänglichen Wladislaw auf dem Thron haben. Wäre ein Staatsmann unter ihnen gewesen, er hätte ihnen gesagt, dass sie nach einer türkischen Eroberung noch schlimmer dran sein würden als unter einem kraftvollen König Maximilian.

Maximilian überlegte, mit wessen Unterstützung er den Jagellonen ausbooten könnte. Wladislaw zur Seite zu schieben hätte wohl Krieg mit Polen bedeutet. Eine bisher unerwähnte, neue Macht im Osten kam als Bündnispartner in Betracht: Russland. Abgesandte von Iwan III. trafen in Nürnberg ein, um über einen gemeinsamen Angriff auf Polen-Litauen zu sprechen. Der russische Großfürst hatte ein ähnliches Ziel wie seinerzeit der burgundische Herzog: Er strebte durch das Zusammengehen mit dem Reich die Aufwertung zum König an (nicht nur für Polen, auch für den Papst ein rotes Tuch, denn die Russen waren orthodoxe „Ketzer“). Dabei hatte Iwan III. Reibereien mit dem Deutschen Orden in Livland, dem besonderen Schutzbefohlenen des Kaisers, und wollte von einer Vermittlung in dieser Sache nichts wissen. Vielleicht konnte man den Orden, der ja auch gegen Polen stand, in eine solche Koalition einbinden? Vielleicht konnte man ja auch die Herren von Moldau und der Krim gegen Polen in Stellung bringen? Maximilians Gedankenspiele hatten Geschmack, immerhin war die Krim seit 1475 ein osmanischer Vasall. Wenn der Sohn des christlichen Kaisers sich anschickte, mit den Nachfahren der Mongolen zu paktieren, dann war das um nichts unbedenklicher als die späteren französischen Bündnisse mit dem osmanischen Sultan!

Friedrich III. war geneigt, Iwan die Hand zur Rangerhöhung zu reichen. Aus der Sache wurde nichts, weil hier zwei verschiedene Kulturen zusammenprallten. Denn als es um eine mögliche Heiratsverbindung einer Habsburgerin mit dem Großfürsten ging, verlangte Iwan III. zum Entsetzen der Deutschen, seine Braut erst einmal gezeigt zu bekommen, bevor er einer Ehe nähertrat. Das konnte er für den Frauenpalast seines Kreml so halten, denn die muslimischen Tataren hatten es den Russen so beigebracht. Aber gegenüber mitteleuropäischen Christen verfing das nicht. Iwan setzte selbstbewusst noch einen drauf: Nicht einfach König wollte er sein, sondern Zar – weil Moskau als das Dritte Rom ein besonderer Stellenwert zustehe. Das Interesse Habsburgs an den Mächten im Osten erkaltete unter diesen Umständen rasch wieder.

Am Ende siegte beim ungarischen Erbfolgestreit ausnahmsweise mal die Diplomatie, es kam nicht zum großen Krieg. Die Jagellonen setzten auf eine vernünftige Kompromisslösung: König Wladislaw erkannte 1491 das habsburgische Erbrecht in Ungarn gemäß dem Vertrag von 1463 an. Er blieb zwar Souverän und durfte auch die Stephanskrone an seine Nachkommen weiter vererben. Aber auch Friedrich und Maximilian durften sich Könige von Ungarn nennen und bekamen in dieser Eigenschaft Teile des Burgenlandes („Deutsch-Ungarn“). Falls Wladislaw ohne männlichen Erben starb, ergab sich aus der Doppelherrschaft das Nachfolgerecht der Habsburger, abgestützt durch eine Erklärung der ungarischen Adeligen, nur einen Habsburger zum König wählen zu wollen. Die Regelung schloss auch Böhmen ausdrücklich ein.

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Wladislaw hatte Beatrix, die Witwe des Corvinus geheiratet, von der keine Kinder mehr zu erwarten waren. Er verzichtete somit auf eine Ehe mit Bianca Maria Sforza, die nun für Maximilian frei wurde. Der verzichtete durch die Sforza-Ehe wiederum auf eine Verbindung mit Anna von Bretagne, die gerade in ihrer Hauptstadt Rennes vor den Franzosen hatte kapitulieren müssen. Man erkennt an diesem Ehe-Geschacher, dass Frankreich in die Lösung eingebunden wurde. Für Polen war Mailand zu weit weg, um interessant zu sein, für Habsburg schien das Einsteigen hier günstig, den Franzosen den Weg nach Neapel zu versperren. Polen hatte den Nutzen, dass es in Ungarn und Böhmen zunächst weiter am Ruder bleiben konnte, ein Bündnis von Reich und Russland war vom Tisch. Und: Habsburg gab mit dem Deal indirekt den Deutschen Orden den Polen preis. Offenbar war der „besondere Schutzbefohlene“ des Kaisers doch nur eine Figur auf dem politischen Schachbrett.

Verliererin in diesem Spiel war auch die Herzogin Anna von Bretagne. Da sie von Maximilian keine Hilfe mehr erwarten konnte, rettete sie wenigstens den Besitz ihres von den Franzosen eroberten Landes, indem sie ihren Feind Charles VIII. - heiratete! Am 27. Februar 1492 läuteten die Hochzeitsglocken und Anna wurde zur Königin von Frankreich gekrönt.

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Da zeigte sich die Weitsichtigkeit des Kaisers, der seinen Sohn damals dafür gerügt hatte, dass er so vorschnell eben jene Anna geheiratet hatte. Okay, es war nur eine Hochzeit zwischen Abwesenden gewesen, lediglich symbolisch vollzogen. Trotzdem: Man hatte die 1490 geschlossene Ehe des Kaisersohnes, des Römischen Königs, einfach aufgelöst und Maximilian damit vor der ganzen Christenheit lächerlich gemacht. So wurde er zwar frei für die Ehe mit Maria Sforza, aber die Angelegenheit schrie doch nach Krieg und Rache wie kaum sonst eine im Leben der Staaten und dynastischen Häuser. Na gut, die verletzte Ehre des Sohnes war Friedrich III. im Grunde ziemlich schnuppe. Was ihn wirklich aufbrachte, war die freche Verhandlungsführung der Franzosen, die auf die Einhaltung des Frieden von Arras beharrten.

Grummelnd musste der Kaiser bei einem Blick in die Statistiken erkennen, dass seine Truppen gegen Charles VIII. wohl kaum ausreichen würden. Die Reichsfürsten hatten kein Interesse daran, gegen Frankreich zu marschieren, sie wollten sich lieber auf die Türken konzentrieren. Beim Geld für Söldner sah es für Friedrich ebenfalls knapp aus. Also lieber keinen Krieg mit Frankreich riskieren und lieber in Flandern durchgreifen, wo sich Charles VIII. ja wenig engagierte. In Gent regierte der Coppenhole, bis die Bürger sich dem militärischen Druck der Kaiserlichen beugten, „ihren Schreihals“ hinrichteten und den Franzosen eine Absage erteilten. Geht doch, wird sich der Habsburger gedacht haben, als Ende 1492 ganz Flandern wieder auf Linie gebracht war.

Charles VIII. hatte keine Lust, sich mit seinen Nachbarn herumzuschlagen. Also schloss er zum einen mit Spanien einen Vertrag, in dem er auf das umstrittene Roussillon, den ewigen Zankapfel zwischen diesen beiden Ländern, verzichtete. Zum anderen machte er Frieden mit dem Kaiser. Von dem wusste der französische König, dass er ständig knapp bei Kasse war. Und Geld hatte Charles reichlich auf der Kante. Maximilian führte die Verhandlungen und griff mit beiden Händen zu. Dem Franzosen schwadronierte er etwas von einem Bündnis gegen die Türken vor, die harten Fakten des Friedensvertrags waren anderer Natur: Maximilian rettete für Habsburg den größeren Teil der Erbschaft Burgunds. Die Freigrafschaft, Luxemburg, Namur, Hennegau, Brabant, Geldern, Holland und Seeland, ebenso die Grafschaften Nevers, Artois und Charolles sollten an Maximilians Sohn Philipp 1498 (zu dessen 20. Geburtstag) zurückgegeben werden. Cambrai wurde direkt dem Reichsgebiet zugefügt, sogar das von Habsburger Truppen besetzte Arras trat Frankreich an Philipp ab.

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Eine Sache wurde diskret ausgespart: Die skandalöse Auflösung der Ehe zwischen Maximilian und Anna von Bretagne. Der Habsburger war wegen dieser Sache auf Dauer voller Hass auf die Franzosen, der Realpolitik wegen zog man es aber vor, alle Dokumente, die mit der Einfädelung der bretonischen Bigamie zusammenhingen, zu vernichten. Anna war danach die rechtmäßige Königin Frankreichs. Abgesehen von diplomatischem Genickel war der Konflikt um Burgund und Flandern damit nach 16 Jahren beendet. Maximilian durfte doch eigentlich zufrieden sein, er hatte die Zitterpartie um seine Zukunft gut überstanden. In einer wichtigen politischen Sache blieben Maximilian und Charles VIII. weiterhin über Kreuz: Der Franzose hatte den Frieden geschlossen, um endlich durch Italien nach Neapel marschieren zu können und dann den Krieg gegen das Osmanische Reich zu führen. Maximilian wollte die Franzosen aber keinesfalls nach Italien hineinlassen. Da lag weiter Zündstoff drin. Es sah nicht nach einer großen christlichen Koalition aus.

Kaiser Friedrich III. erkannte das, er war ja ein alter Hase in politischen Dingen. Die Heirat seines Sohnes mit der mailändischen Sforza fand er nicht richtig, diese Sippe hatte den Ruch von Emporkömmlingen, das war keine gute Partie für einen zukünftigen Kaiser. Inzwischen war Friedrich aber alt und müde geworden, die neuen Reibereien waren nicht mehr sein Ding. Es war unübersehbar, dass seine Kräfte verfielen, seine Arterien verkalkten und er an Altersschwäche litt. Im Sommer 1492 empfing er ausnahmsweise eine venezianische Delegation, auf die er einen erschreckend greisenhaften Eindruck machte. Eigentlich interessierte sich Friedrich III. zuletzt nur noch für kleinliche Dinge. Es gab da noch eine nebensächliche Korrespondenz mit dem portugiesischen Hof. Friedrich III. hatte gehört, dass ein gewisser Kolumbus jenseits des Atlantiks im Westen Land entdeckt hatte. Das war im Jahre 1492 noch keine Sensation, wie andere auch schenkte Friedrich dem wenig Aufmerksamkeit. Er war halt ein Herrscher von mittelalterlichem Format.

Mit dem Jahr 1493 wurde der Kaiser schwerkrank, er verlor zunächst das Empfinden in den Zehen, dann wurde das linke Bein bis zum Knie schwarz. Der Altersbrand. Einige Zeitgenossen waren der Meinung, den habe sich der Kaiser durch seine unselige Angewohnheit, die Türen mit dem Fuß aufzustoßen, eingehandelt. Andere munkelten, Friedrich könnte sich bei seinen alchimistischen, wahrscheinlich gottlosen Spielereien zur Strafe eine Vergiftung geholt haben. Mitte des Jahres konnte er jedenfalls nicht anders, als einer Amputation des zerfressenen, eiternden Unterschenkels zuzustimmen. Ob und wie viel Schmerz der Kaiser bei dieser Prozedur empfand, ist nicht überliefert. Nur, dass die Amputation fast in der Öffentlichkeit stattfand, vor etlichen Herren , Rittern und Knechten. Nach dem Eingriff ging Friedrich III. ziemlich munter damit um: Nun werde er wohl als „Friedrich der Einbeinige“ in die Geschichte eingehen, frotzelte er. Dann soll er das abgesägte Bein in die Hand genommen und beklagt haben, dass nun auch dem Reich ein Bein fehle, und dass, da an des Kaisers Gesundheit die des Reiches hänge, nun für beide keine Hoffnung mehr bestehe. Ein gesunder Bauer sei glücklicher als ein kranker Kaiser.

Für eine kurze Zeit gewann die zähe Konstitution des Kaisers noch einmal die Oberhand. Auf einmal wollte der Eigenbrötler Gesellschaft um sich haben, obwohl die Höflinge gerade jetzt die Distanz zumindest solange vorzogen, bis sich die Wunde am Bein schloss. Am Vortag des 15. August 1493 (Mariä Himmelfahrt) fastete Friedrich bei Wasser und Brot, obwohl er schon geschwächt war. Nach einer Version bekam er natürlich Hunger, verlangte in der Nacht vor dem Feiertag seine geliebten Melonen, aß gierig acht Stück, trank kaltes Wasser dazu und zog sich auf der Stelle Durchfall zu. Nach einer anderen Version erlitt der Kaiser wegen seines schwächenden Fastens einen Schlaganfall. Vielleicht sind sogar beide Versionen gleichzeitig zutreffend.

Am nächsten Tag lag Friedrich jedenfalls darnieder und machte seinen Frieden mit der Welt. Damit der Klerus ordentlich für ihn beten konnte, ließ er seinen Sohn bitten, dessen Privilegien zu bewahren. Wie Maximilian es ansonsten mit dem Kirchengut halten wolle, überlasse er ganz ihm. Aber für des Vaters Diener und Hofgeistliche möge er angemessen sorgen. Am 19. August 1493 empfing Friedrich III. die Sterbesakramente und verschied friedlich, einen Monat vor seinem 78. Geburtstag.

So, was war das jetzt? Ein schnarchiger Kaiser, der alle Probleme einfach aussitzen wollte? In der Tat war es eine seiner maßgeblichen Leistungen, schlicht so lange zu regieren und sie alle zu überleben. Von den geistlichen und weltlichen Fürsten aus dem Jahr seines Regierungsantritts lebte kein einziger mehr. Niemand von denen, die ihn etwas angingen, wie zum Beispiel Papst Eugen IV., und auch niemand von denen, die ihn nichts angingen, etwa der Emir von Granada (sogar dessen Reich hatte im Januar 1492 aufgehört zu existieren). Eine seiner Leistungen war die Wiedervereinigung der seit 1379 geteilten Länder des Hauses Österreich. Auf dieser Basis ging er daran, die Ländereien der Luxemburger sowie Ungarn einzufügen, und bahnte die Erbschaft Burgunds an. Das war in seiner Gesamtheit die Voraussetzung für den europäischen Durchbruch des Hauses Habsburg. Friedrich III. hing nicht zu Unrecht der Name der „Reicherzschlafmütze“ an - doch auf den Schultern dieses regungslosen Kaisers standen später die mächtigsten Vertreter des Habsburger.

… und wie ging es weiter?

Der Landfrieden wurde einige Jahre später endlich realisiert, das Reich zu diesem Zweck in Kreise eingeteilt. Die Gerichte in diesen Bezirken arbeiteten langsam, schufen mit der Zeit aber eine gewisse Rechtssicherheit und beendeten das bisherige Fehdewesen. Der schwäbische Bund dagegen, oder die Aufstellung eines dauerhaften Reichsheeres, blieben später im religiösen Konflikt zwischen Altgläubigen und Protestanten auf der Strecke. Außenpolitisch schaffte Maximilian später den Ausgleich mit Polen und verhandelte gegenseitige Hochzeiten zwischen Habsburgern und Jagellonen. Auf diese Weise fielen die Königreiche Böhmen und Ungarn 1526 dann den Habsburgern durch Erbschaft zu. Der Donauraum war endlich unter ihrer Führung geeint, das war schon das große politische Ziel Friedrichs III. gewesen. Noch größer war der Erfolg der Einheirat in das kastilische Königshaus. Philipp der Schöne, der gemeinsame Sohn des Habsburgers Maximilian und Maria von Burgund, heiratete 1496 Juana die Wahnsinnige, die Tochter des spanischen Königspaares Isabella und Ferdinand. Mit dieser Ehe schmiedete man seinerzeit ein Defensivbündnis gegen Frankreich. Der Sohn aus dieser Verbindung war dann Karl V., in dessen Person sich die Machtverhältnisse der europäischen Staaten in einer geradezu revolutionären Weise bündeln sollten, denn er vereinte die Kronen des Heiligen Römischen Reiches und von Spanien.

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Dazu kam ja noch die Entdeckung der Neuen Welt unter spanischer Oberhoheit. Ungarn und Spanien überkompensierten die kaiserliche Machtlosigkeit bereits so sehr, dass sie Habsburg zum Übergewicht in ganz Europa verhalfen. Der Anschluss der Schätze Amerikas sprengte auch noch den kontinentalen Rahmen. Das war dann nicht mehr mittelalterlicher Universalismus, sondern neuzeitlicher Imperialismus, gegründet auf die Übermacht anstatt auf Sakralität und Ehrenführerschaft – auf Gold und Landsknechte anstatt auf geistig-geistliche Konkordanz zwischen den Staaten, auf Herrschaft anstatt auf himmlisch inspirierte Gemeinschaft.

Das Video erzählt zwar von Maximilian, spielt zum größten Teil aber in dem Zeitraum dieses Kapitels:

Friedrich III. und Maximilian I.

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Re: [CK2/EU4] Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt

Beitragvon Mark » 4. Mai 2019 08:00

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Die universelle Spinne

Louis XI.
lebte 1423 bis 1483
König von Frankreich 1461 bis 1483
Startdatum: 11. November 1444


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Im Jahre 1444 in Frankreich. König Charles VII. hatte es trotz eher mäßiger persönlicher Fähigkeiten geschafft, den Einfluss der verhassten Engländer in seinem Land zurückzudrängen. Die Schlappe von Azincourt (1415) sowie vom Vertrag von Troyes (1420) waren überwunden. Seit Anfang des Jahres griff ein fünfjähriger Waffenstillstand, und es galt als ausgemacht, dass nach dessen Ablauf die Engländer aus Frankreich weggefegt würden. Henry VI. wurde jedenfalls nicht zugetraut, sich dagegenstemmen zu können, außerdem lag England im Clinch der Rosenkriege zwischen Lancaster und York.

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Jetzt erwartet wohl jeder Leser hier, dass eine Story vom blauen Blob kommt, wie Frankreich sich in kurzer Zeit auf 100 Territorien aufbläht. EU4 gibt einem dafür ja günstige Voraussetzungen an die Hand. So war es historisch aber nicht. Frankreich war nicht wegen Charles VII. so rasch zu großer Macht zurückerlangt, sondern trotz dieses Königs.

Zumindest einen gab es in Frankreich, der sich wohl schon 1444 über den Erfolg von Charles VII. wunderte: Sein eigener Sohn Louis, der 21jährige Thronfolger. Vater und Sohn waren ziemlich verschieden und einander fremd: Hier der genussfreudige König, freigiebig und wenig am Regieren interessiert. Dort der unauffällig auftretende Dauphin, bescheiden in seiner Lebensführung, grüblerisch und bedacht, außerdem fleißig in Verwaltungsfragen (heute wurde man wohl Aktenfresser dazu sagen). Es wäre nur historisch, wenn der Thronfolger in EU4 einen hohen Admin-Wert, jedoch einen geringen Militärwert mitbringt. In diesem Kapitel soll es um den Dauphin Louis gehen, diesen ernsthaften Charakter, der einmal den Beinamen „die allgegenwärtige Spinne“ erhalten sollte. Kein Wunder also, wenn er später die Eigenschaft „Geschickter Netzwerker, +25% für Spionageaufbau“ bekommen wird.

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Das Baby, das eines Tages als Louis XI. allerchristlichster König von Frankreich werden sollte, war am 3. Juli 1423 zur Welt gekommen. Es war ein ungünstiger Zeitpunkt für einen Thronerben. Das Schicksal seines Vaters Charles VII. war ungewiss, das Ansehen seines Hauses Valois und das seines Landes war an einem Tiefpunkt angelangt. Sein Großvater Charles VI. (wenn er es denn wirklich sein Großvater war) war ein schwachsinniger König, anfangs von den großen Fürsten in die Ecke gespielt und später gezwungen, seine Tochter und sein Königreich einem fremden Eroberer, Henry V. von England, zu überlassen. Nun gut, Charles VI. War 1422 gestorben, als ein knappes Jahr vor Louis' Geburt. Der Vater des Neugeborenen wurde höhnisch „König von Bourges“ genannt, weil in Frankreich sein Arm nicht besonders weit reichte. Seine unzüchtige Mutter hatte ihn zum Bastard erklärt, Charles VII. hatte weder sich selbst noch die Fürsten im Griff.

Eine persönliche Beziehung baute König Charles VII. von Anfang an nicht zu seinem Sohn Louis auf. Der Junge wurde in seinen ersten zehn Lebensjahren nach 1423 in der Festung Touraine verwahrt, ein düsteres, karges Gemäuer, zu dessen Füßen sich ein wirrer Haufen von Dorfhütten befand. Ein Bollwerk, das nicht gebaut worden war, um darin zu leben, sondern um dort zu kämpfen. Umgeben war die unzugängliche Burg von einer dicht bewaldeten Landschaft, reich an Wild. Die Zeiten war zu unsicher für einen so wertvollen Knaben, der König war von zwielichtigen Männern umgeben, die sich in wichtige Ämter gedrängt hatten. Unter ihnen war der Adelige La Tremoille.

Erstmals wurde der Junge im Jahre 1429 erwähnt, als er im Alter von sechs Jahren der berühmten Jeanne d'Arc begegnete. Da hatte sie gerade die Engländer vor Orleans besiegt und war zur Hoffnungsträgerin Frankreichs geworden. Ein Ritter in der anwesenden Gesellschaft schrieb: „Nachdem Andre de Laval der Jungfrau seine Aufwartung gemacht hatte, reichte sie ihm lächelnd ein Glas Wein und sagte lächelnd: Wir werden wieder zusammen trinken, in Paris! Da ging ich weiter, um meinen Herrn, den Dauphin, im Schloss zu besuchen. Er ist ein äußerst anziehender und huldreicher Herr, von guter Gestalt, behände und wirklich gescheit, etwa sieben Jahre alt.“ Für König Charles VII. war Jeanne in der Tat ein Geschenk des Himmels, sie ermöglichte ihm die Krönung in Reims, endlich war er wirklich König von Frankreich. Ihr Ende war weniger schön: Aufgrund der Einflüsterungen neidischer Ratgeber ging Charles in der Zeit danach auf Distanz zu der Jungfrau, die an die mit England verbündeten Burgunder verraten und schließlich 1431 verurteilt und verbrannt wurde.

Charles VII. fuhr fort, sich in Schlössern des Landes zu verstecken, die Adeligen übernahmen das Regieren, der Krieg gegen England lief gewohnt schlecht. Trotzdem: Der König war der Kristallisationspunkt der französischen Hoffnungen auf Wiedergeburt des Landes. Junge Herren, eine neue Generation, entmachteten den einflussreichen Tremoille und zwangen den gedemütigten König, eine Versammlung der Stände einzuberufen und neue Gouverneure an seiner Seite zu akzeptieren. Diesmal waren angesehene Männer darunter, immerhin.

Im Jahre 1433 brachte dieser Umsturz am Hofe seines Vaters dem nun zehnjährigen Louis seine Befreiung aus der düsteren Feste. Louis lebte nunmehr mit seiner Mutter und den Schwestern in dem luftigen Schloss Amboise hoch über der Loire. Offenbar begriff der Junge bereits jetzt, dass das dereinst mächtige Königreich Frankreich tief gefallen war und er ein Erbe von Elend und Schande war. Weitere drei Jahre später, im Sommer 1436, betrat Louis die Bühne der Öffentlichkeit, und zwar als Bräutigam. Er war weit davon entfernt, hübsch zu sein, aber er hatte ein markantes Gesicht, das entweder gefiel oder einschüchterte. Das elfjährige Mädchen, das er heiraten sollte, war Margarete von Schottland. Frankreich brauchte einen Bündnispartner gegen England. Die Trauung war, gemessen an dem Rang der Beteiligten, bescheiden bis zur Peinlichkeit. Der König begrüßte seinen Sohn nicht einmal vernünftig und erschien in einem grauen Reitkostüm zu der Zeremonie in der Kapelle. Nicht einmal hatte er abgelegt, ein Skandal. So kurz fertigte Charles seinen Sohn ab.

Es überrascht also nicht, dass sich Louis im Jahre 1440 zur Teilnahme an einem Adelsaufstand gegen den König bewegen ließ, die sogenannte Praguerie. Dieser Rebellion blieb vor allem deshalb der Erfolg versagt, weil kein weiterer Bürgerkrieg erwünscht war und Charles VII. das Bürgertum für sich gewann. Bis Juli 1440 ergaben sich alle oppositionellen Hochadligen, die Verzeihung durch den Monarchen erhielten, der seinerseits den jugendlichen Dauphin Louis durch die Übertragung der selbständigen Regierung der Grafschaft Dauphiné zufriedenzustellen suchte. Dorthin also war der unbotmäßige Thronfolger abgeschoben, als das Spiel im Jahre 1444 beginnt.

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Es war der alte Gegner Frankreichs, der Engländer, der jetzt dem Dauphin Louis die Gelegenheit bot, seine Talente zu bewähren. Bei der Ankunft seines Vaters in Tours gegen Ende April 1444 fand er den Earl von Suffolk vor, den Ersten Minister Henrys VI., der gekommen war, um zu einen Vertrag mit den Franzosen zu gelangen sowie zu einem Heiratsbündnis. Ein Waffenstillstand von zwei Jahren wurde vereinbart und mit der Verlobung zwischen Henry VI. und Margarete von Anjou besiegelt, der schönen Tochter des Herzogs René von Anjou und Lothringen (der zugleich Titularkönig von Neapel war und ein Schwager des französischen Königs war).

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Die Menschen in Frankreich nahmen die Nachricht vom verlängerten Waffenstillstand erleichtert zur Kenntnis. Da ergab sich aber ein Problem: Wohin nun mit den zehntausenden von Söldnern, deren Kriegsdienste Frankreich nun nicht mehr benötigte, die das Land aber bis auf die Knochen verheerten? Es gab keine Militärmacht im Land, die fähig gewesen wäre, sie zu bändigen oder zu vertreiben. Außerdem würden sie ja nach Ablauf des Friedens wohl erneut gebraucht werden. Glücklicherweise riefen der deutsche Kaiser Friedrich III. und sein Vetter, der Herzog von Österreich, die durch einen Freundschaftsvertrag an den französischen König gekettet waren, in diesem Augenblick um Hilfe gegen die verwegenen Schweizer. Weil die Habsburger mit ihnen nicht fertig wurden, stimmte nun die Regierung Charles VII. der Entsendung einer Armee zu, die Unterstützung leisten sollte. Angelockt von der Aussicht auf Beute wurden die Söldner Frankreichs, die zu Tausenden voller Blutdurst und Disziplinlosigkeit waren, unter den besten Anführern jener Tage marschbereit gemacht und nach Osten in Bewegung gesetzt, weg vom leidvollen Königreich Frankreich, gegen die Schweizer und was sich ihnen sonst in den Weg stellen mochte. Die Deutschen versprachen eifrig, ihre Bundesgenossen zu versorgen und einzuquartieren. Der Rattenfänger, der es fertiggebracht hatte, sich auswählen zu lassen, die Ratten wegzulocken, war der Dauphin Louis. Der Erbe übernahm eine ebenso zweideutige wie gefahrvolle Mission.

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Louis schlug sein Hauptquartier im Elsass aus (das böse unter den Übergriffen seines Heerwurms litt) und marschierte von dort gegen die Schweizer. Im August 1444 kam es zur entscheidenden Schlacht: Die Anzahl der 15.000 professionellen Söldner übertraf die der 2.500 Schweizer Infanteristen bei weitem. Der Sieg war tatsächlich bei Louis, aber das Ergebnis der Schlacht war trotzdem eine Sensation, über die man in ganz Europa staunte: Diese wenigen Schweizer hatten buchstäblich bis zum letzten Mann gekämpft und mindestens 4.000 ihrer Gegner mit in den Tod gerissen.

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Donnerwetter, muss sich der Dauphin gedacht haben, auch er zutiefst beeindruckt von den militärischen Fähigkeiten und dem Todesmut der Schweizer. Er fällte persönlich einen Entschluss: Diese tapferen Schweizer muss ich zu meinen Freunden machen! Trotz fortgesetzter Kämpfe führte er mit seinen Gegnern Verhandlungen, und die führten am 28. Oktober 1444 zum Erfolg: Louis ratifizierte einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit den Schweizern.

Danach hielt es Louis in den Schrecken der marodierenden Söldner im Elsass nicht länger aus, er ritt im Januar 1445 nach Nancy, der Hauptstadt Lothringens. Am Hof des Königs René war es angenehmer, es gab Turniere, Tanz, Bankette und Spaziergänge. René wurde „der gute König“ genannt, er war das 35jährige Oberhaupt des Hauses Anjou. Sich selbst nannte er König von Neapel, er hatte es aber kläglich versäumt, dem Titel auch Inhalt zu verleihen, und dem Herzog von Burgund schuldete René noch ein enormes Lösegeld. Nun, René umgab sich lieber mit Gleichgesinnten, die sich vorzüglich auf Zeitvertreib verstanden. Sein hitziger Sohn Johann, Herzog von Kalabrien, verfügte über sämtliche Führereigenschaften, ausgenommen das richtige Gefühl dafür. Seine 16jährige Tochter Margarete, schön und gebildet, stand eben am Beginn ihres aufwühlenden und tragischen Schicksals als Gemahlin Henrys VI. von England. Als im Februar 1445 der Herzog von Suffolk mit einem ganzen Gefolge von Herren eintraf, um Margarete von Anjou nach England zu geleiten, überschlug sich der Hof mit fürstlichen Festen und Turnieren.

Hoch über dieser ritterlichen Gesellschaft thronte König Charles VII., in seiner Nähe sah man nun eine wunderschöne junge Dame namens Agnes Sorel. Sie war eigentlich schon seit 1443 seine Mätresse und hatte Charles auch schon eine Tochter geboren, bekannt wurde ihr Gesicht aber erst jetzt. Agnes Sorel war übrigens die erste Mätresse, mit der sich ein französischer König offiziell schmückte – Beginn einer langen Tradition. Die junge Frau war angenehm im Umgang, gebildet und übte guten Einfluss auf den König aus. Auf der anderen Seite umgab sich Charles VII. mit dem tapferen Soldaten Pierre de Breze, ein Mann von feiner Lebensart, reich ausgestattet mit menschlichen Tugenden. Dann gab es da noch den mächtigen Kaufmann Jaques Couer, der das Amt des königlichen Schatzmeisters bekleidete (er war mit Handelsgesellschaften in den Orient reich geworden).

Vor dem farbigen Hintergrund dieses Hofes machte der Dauphin Louis eine düstere Figur. Der Prinz der Heerlager und Beratungszimmer war für diese Zeit oder diesen Ort nicht geschaffen. Am Leben und Treiben der Turniere und Bankette beteiligte er sich nicht. Neidisch beobachtete Louis, wie sein Vater großzügige Geschenke an Leute wie Sorel und Breze verteilte, während er selber kurz gehalten wurde. Der Thronfolger hatte keinen Sous in der Tasche, um seine Schulden zu bezahlen. Aber es half nichts, er musste gute Miene zum bösen Spiel machen.

Einige Monate lang hatte Louis den Auftrag, einige (ergebnislose) Verhandlungen in Burgund zu führen. Während des heißen August 1445 machten sich Louis und seine schottische Gemahlin bereit zur Abreise, da wurde die zarte Frau krank. Sie hatte sich nach einer Tagesreise (eine Wallfahrt) unvorsichtigerweise der meisten ihrer Kleider entledigt gehabt, um die Kühle in ihrem steinernen Gemach zu genießen. Am nächsten Morgen fieberte sie und wurde von Husten gequält, es war eine Lungenentzündung. Am 16. August 1445 starb sie, ein verstörender Schicksalsschlag für den Dauphin.

Von da an verschwand Louis jahrelang quasi von der großen Bühne, er stürzte sich in seiner Grafschaft Dauphiné in die Arbeit. Lediglich im Dezember 1446 weilte er noch einmal am Hof seines verhassten Vaters. Der Anlass für das Treffen war, dass Charles VII. noch einmal Vater wurde: Am 28. Dezember schenkte die Königin einem Knaben das Leben, der den Namen seines Vaters erhielt. Es gab nun neben Louis einen weiteren möglichen Thronerben. Am 1. Januar 1447 brach Louis zurück in seine Dauphiné auf. Jetzt war es noch ein neuer Rückzug des inzwischen 23jährigen. Er sah seinen Vater nie wieder, obwohl der König noch fünfzehn Jahre regieren würde. Die rückständige Dauphiné war eine Art Exil für Louis, hier machte er sich mit seinem Hang zur Hang zur Detailarbeit an das Flottmachen seiner Grafschaft. Und das gelang ihm, er arrangierte sich geschickt mit den lokalen Adeligen und Bischöfen und ordnete erfolgreich die Verwaltung und die Wirtschaft der Grafschaft.

Im Jahre 1450 hatte Louis seine Verwaltung fest verankert, und die Dauphiné hörte auf, alle seine Kräfte in Anspruch zu nehmen. Ruhelos streckte er seine Hand nach den sich dauernd verändernden politischen Kombinationen in Italien aus. Gespannt beobachtete er aus der Ferne die Intrigen am französischen Hof. Überall setzte Louis seine Agenten ein, um sich stets in die Pläne und Gedanken der anderen Mächtigen hineinversetzen zu können. Er wusste, dass viele am Hof seines Vaters ein Interesse daran hatten, dass dessen Verhältnis zu ihm getrübt blieb. Gerüchte über einen neuerlichen Verrat des Dauphin wurden in Paris gestreut und bereitwillig von Charles VII. aufgenommen. Louis musste sich sorgen, dass sein Vater ihn mittels einer Invasion entmachten könnte. Immerhin hatte es Charles VII. im Jahr zuvor geschafft, die Engländer aus der Normandie zu vertreiben (den Waffenstillstand hatten die Engländer 1449 törichterweise gebrochen). Henry VI. war nur noch ein jämmerlicher Flecken Land in Frankreich geblieben, nämlich Calais, und England versank nach dieser Schmach in den Wirren des Bürgerkriegs.

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Charles VII. dagegen galt jetzt als „der Siegreiche“. Der König selbst gab sich immer leidenschaftlicher den Vergnügungen hin. Die Mätresse Agnes Sorel starb 1450 und wurde durch Antoinette de Maignelais ersetzt. Genauer gesagt, umgab sich der König mit einer ganzen Schar von Geliebten, während Schatzmeister Coeur die tatsächliche Regierung ausübte. Louis wurde von seinem Vater angeklagt, „sich in die Geschäfte von Jaques Coeur zu mischen“, eine deutliche Warnung (an beide).

Der Dauphin seinerseits hatte die Dinge beschleunigt, indem er die Einwilligung des Königs zu einer Heirat erbat. Louis wollte eine Tochter des benachbarten und verbündeten Savoyen ehelichen. Immerhin war er schon 27 Jahre alt, ohne Weib und ohne Nachkommen, es wurde also Zeit. Der Erbe des Königreichs Frankreich musste schließlich für die Dynastie sorgen. Doch Charles VII. ignorierte das Ansinnen seines Sohnes, befand die Verbindung für unangemessen. Louis entschied sich, die Hochzeit trotzdem durchzuführen, was auch am 9. März 1451 geschah. Der König war erbost über das eigenmächtige Verhalten seines Sohnes und entledigte sich zunächst des einflussreichen Schatzmeisters Coeur: Der wurde eingekerkert, der Majestätsbeleidigung angeklagt und enteignet. Coeur konnte zum Papst fliehen (er starb 1456 als Befehlshaber gegen eine türkische Flotte).

Nachdem der Coeur entfernt war, ging König Charles VII. langsam und in aller Ruhe gegen seinen Sohn vor, der es gewagt hatte, nach eigenem Belieben zu heiraten. Er entzog ihm 1452 seine Bezüge sowie, nachdem Louis gegen diese Maßnahme protestiert hatte, auch seine Ländereien in der Dauphiné. Auf Savoyen übte der König Druck aus, sich von Louis zu distanzieren. Zum Nachdruck setzte Charles VII. ein Heer in Richtung Savoyen in Bewegung – Louis erkannte, dass es auf seinem Weg dorthin sehr wohl auch ihn wegfegen konnte. Doch trotz der drohenden Invasion weigerte sich Louis, sich von seinen „üblen Ratgebern“ zu trennen und in Paris zu erscheinen, wie es der König von ihm forderte. Eine Schonfrist erlangte Louis noch, weil er mit Erlaubnis seines Vaters dem Lothringer René bei einem (erfolglosen) Feldzug Richtung Genua helfen durfte, der René auf den Thron von Neapel bringen sollte. Das Vorhaben war illusorisch, offenbar wollte sich Charles VII. in der Zwischenzeit noch einmal in Ruhe um die englischen Aktivitäten in Aquitanien kümmern. Nachdem er die Engländer dort 1454 in die Flucht geschlagen hatte, beschäftigte er sich wieder mit seinem Sohn.

Ende 1455 war es dann soweit, Charles VII. zog mit Heeresmacht gegen die Dauphiné. Es blieb nicht mehr viel Zeit übrig für Verhandlungen. Louis hatte militärisch keine Chance, er stand praktisch alleine gegen seinen Vater. Vor Ort ausharren schien zwecklos und gefährlich. Also unterwerfen oder flüchten. Louis entschied sich für letzteres: Er verkündete, dem Aufruf des Papstes zu einem Kreuzzug zu folgen und schickte Anfang 1456 einen Mönch mit dieser Nachricht zu seinem Vater. Zurück kam weder eine Antwort noch ein Mönch. Statt dessen überschritt die französische Armee die Grenze zur Dauphiné. Louis packte im August seine Sachen und haute ab – nach Burgund, zu seinem Onkel, dem Herzog Philipp dem Guten. Offiziell gab sich Louis als Kreuzfahrer, der sich wegen dieser Unternehmung am Hofe des großartigen Philipp einfand. In Wahrheit war der Dauphin ein landloser Flüchtling auf der Suche nach einem starken Beschützer.

Den fand er in dem Herzog Philippe III. von Burgund. Der Herzog, damals fast 60 Jahre alt, war ein gelassener Mann, der nur selten wütend wurde, nämlich dann, wenn ihm etwas in die Quere kam. Aber Philippe III. kam selten etwas in die Quere, gewöhnlich war er höflich gegenüber allen, seiner Größe sicher. Seine liebenswürdige Art hatte ihm den Beinamen „der gute Herzog“ eingebracht. Sein Gang, sein Aussehen, sein Auftreten verkündeten: Ich bin ein Fürst.

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Die Besitzungen und Herrschaften des Herzogs von Burgund erstreckten sich von der Nordsee bis zur Mosel. Als Graf von Flandern und Artois sowie als Herzog von Burgund gehörte er zu den Großen Frankreichs. Aus eigenem Recht herrschte er über die Niederlande, Luxemburg und die Grafschaft Burgund (Franche Comté). Im richtigen Augenblick hatte er 1435 das englische Bündnis aufgekündigt, um Frieden mit Frankreich zu schließen und für sich die Provinz Picardie zu gewinnen. Geduldig hatte er daran gearbeitet, seine zerteilten Besitzungen zu einem vereinigten Staatswesen zusammenzuschweißen. Er unterhielt kein stehendes Heer, besteuerte sein Volk mit milder Hand und lange Friedensjahre waren der Wohlfahrt seiner Länder förderlich. In den großen Handels- und Industriestädten Flanderns verwandelten Tausende von Handwerkern englische Wolle in Tuch, das in alle Teile Europas ausgeführt wurde. Burgund war deshalb immens reich und ein Zentrum höfischer Kultur.

Jetzt aber, im Jahre 1458, als sich der Dauphin in Burgund vor seinem königlichen Vater verkrochen hatte, gab es Spannungen zwischen Frankreich und Burgund, Meldungen über französische Truppenbewegungen an der Grenze sorgten für Unruhe. Doch der Tod trieb sein launisches Spiel mit dem König und dem Herzog. Louis erfuhr, dass eine Krankheit seinen Vater befallen und ihn mit einem eiternden Bein und geschwächt zurückgelassen hatte. Dann zog sich Herzog Philippe ein ernstes Fieber zu. Der Dauphin bangte um die Gesundheit seines Beschützers, und vor allem um seine unsichere Lage. Er nahm Kontakt auf zum burgundischen Erben Charles dem Kühnen. Der war von einem anderen Schlag als der Vater, Charles war leicht in Wallung zu bringen – was seine Umgebung mit dessen sexueller Enthaltsamkeit erklärte – und extrem auf seinen sozialen Rang bedacht. Jedenfalls lernten sich die beiden späteren Rivalen in dieser Zeit persönlich kennen, und sie waren ziemlich unterschiedliche Persönlichkeiten. In der Tat war die Anwesenheit des Dauphin in Burgund nicht mehr sonderlich gewünscht, man beobachtete misstrauisch jeden Schritt dieses wichtigen Gastes. Louis verstand, dass er sich unauffällig abseits des Hofes halten musste, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Von seinem abgelegen Anwesen in Burgund aus beobachtete Louis die politischen Entwicklungen. In England ging es bei den Rosenkriegen rund: In einer wütenden Schlacht hatten Edward von York und der Königsmacher Warwick das Heer der Lancaster besiegt und Henry VI. nach Schottland in die Flucht geschlagen. Am interessantesten war die Nachricht vom Hof in Paris: König Charles VII. war bei schlechter Gesundheit, die Astrologen sagten voraus, dass nur ein Wunder den König über den Monat August 1461 hinaus am Leben erhalten könne. Nach außen hin zeigte sich Louis tief bekümmert und befahl, für die Gesundheit des Königs zu beten. Seinen engsten Vertrauten gab er aber zu verstehen, man solle schon mal die Koffer packen, und dass sie bald mit Ämtern rechnen könnten. Louis wollte so bald wie möglich in Reims die französische Krone empfangen, sobald sein Vater das Zeitliche gesegnet haben würde. Der Tod des Königs ereignete sich am 25. Juli 1461, jetzt war Louis der Allerchristlichste König Frankreichs - Louis XI. von Frankreich.

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