[Mount & Blade II Bannerlord] Dies Famae - Tag der Schande

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Berenike
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[Mount & Blade II Bannerlord] Dies Famae - Tag der Schande

Beitragvon Berenike » 20. Oktober 2020 18:33

Hallo hallo,

nach langer, langer Zeit melde ich mich zurück. Und es liegt an euch, werte Leserschaft, ob das noch häufiger passerien soll. Erst mal ist dies nur ein einzelner Teil, den ich einfach schrieb, da ich Lust dazu hatte. Aber daraus kann natürlich noch mehr werden. Die Kampagne läuft nämlich noch, und sie ist spannend und aufregend wie noch keine vorher gewesen ist. Natürlich - und wer das Spiel kennt wird mir zustimmen - passierte nicht alles, was ich hier schrieb, genauso im Spiel. Ich nutze das Spiel auch eher als freien Leitfaden und spinne grob meine eigene Geschichte rund um Theophylakes und seine Gefährten darum.

Gespielt wird: Mount & Blade II: Bannerlord
Mods: Diplomacy Fixes!!
Version: 1.5.3; noch im Early Access

Ich werde keine Screenshots oder Bilder in die Geschichte einfügen. Dafür ist die Rechenleistung meines Computers schlicht zu schwach. So spiele ich das Spiel auf mittleren bis niedrigen Einstellungen mit maximal 400 Figuren gleichzeit auf dem Schlachtfeld. Was 2015 gut war, ist es heute eben nicht mehr :D

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. Lasst es mich in den Kommentaren wissen, ob ihr Lust auf mehr habt. Öhm... das Storykonzept steht zur Hälfte. Updates kämen dann wahrscheinlich wöchentlich; je nachdem wie die Arbeit es zulässt.
Die Geschichte zeigt zwar semihistorische Züge, wird jedoch allergrößtenteils ahistorisch sein. Natürlich ist Calradia ohnehin ein Werk der Fantasie, doch auch meine verwendeten Bezeichnungen werden sicherlich nur in den seltensten Fällen historisch korrekt sein. Wenn gewünscht und erlaubt, werde ich in Zukunft die griechischen Anleihen mit den griechischen Buchstaben wiedergeben. Übersetzungen dazu findet ihr dann in einem Spoiler am Ende des Textes.

So! Jetzt aber!:
)







Prolog


Theophylakes atmete tief durch. Seine Legionen waren bereit, die Männer gerüstet, die Pferde der Kataphraktoi gerüstet und die Köcher seiner Toxotai gefüllt. Er selbst hatte sich ebenfalls in seine Rüstung gekleidet: Ein dunkler Helm nach Art der Ahnen, der konisch spitz zulief. Dazu kaiserliche, polierte, vergoldete Schulterpanzer, ebensolche Handschuhe aus feinstem Stahl und ein dichtes Kettenhemd, über dem ein Plattenpanzer gegurtet war. Seine Füße hatte er zudem in stahlbewehrte Stiefel mit Nieten gesteckt. Sein starker khuzaitischer Bogen war gespannt, die Sehne erneuert. Seine Pfeile waren geschärft und die Schäfte ersetzt, bzw. erneuert worden. Quer über den Rücken hatte er sein battanisches Zweihandschwert gegurtet, das ihm schon in mancher Schlacht den Sieg über den Feind garantiert hatte. Seine Legionäre nannten es „Blutsäufer“, wenn sie glaubten, dass er sie nicht hörte.

Milos, sein persönlicher Leibarzt, hatte es sich trotz gutem Zureden nicht nehmen lassen ebenfalls an der Schlacht teilzunehmen. Vor jeder Schlacht glänzten die Augen des irren Chirurgen. Theophylakes wollte manchmal gar nicht so genau wissen, warum der Mediziner an jeder Schlacht, egal wie gefährlich oder blutig sie werden würde, teilnehmen wollte. Manche Dinge muss auch ein Basileios nicht erfahren, mahnte er sich selbst.

Unruhig wippte der Herrscher seines neugegründeten Reiches auf den Füßen vor und zurück. „Du machst die Männer nervös“, sagte Milos mit leiser, fast flüsternder Stimme und grinste ihn an. Hatte sich der Arzt etwa die Zähne angespitzt? Oder spielten ihm seine überdrehten Sinne einen Streich? Dennoch hatte sein Kamerad, der im Gegensatz zu allen anderen Gefährten bisher alle Gefahren und Schlachten überlebt hatte, Recht. Er durfte sich seine Unruhe nicht anmerken lassen. Hilfesuchend schaute er sich um. Und gerade in diesem Augenblick kam Vasilia, seine Basileia, aus ihrem Kommandozelt. In voller Plattenpanzerrüstung, wie es die Art der Kataphraktoi war, ging sie dennoch leichtfüßig auf ihn zu. Auf ihrem ebenmäßigen, harten Gesicht zeigte sich trotz der kommenden Schlacht der Anflug eines Lächelns. Die Sonne spiegelte sich in ihrer schweren, polierten Rüstung. Sie trug ihren konisch spitzzulaufenden Helm unter dem linken Arm. An ihrer Hüfte baumelte ein Spatha, ein Schwert der Nahkampfkavallerie, auf ihrem Rücken hatte sie das große Reiterschild befestigt, das sie zusammen mit ihrem Spatha ziehen würde, sobald der erste Ansturm vorbei war. In ihrer rechten Hand hielt sie eine lange, schwere Lanze, deren Spitze in der Sonne funkelte. Stets hatte der Basileios den Verdacht, dass diese Lanze, ähnlich wie sein Schwert, nach Blut schrie, dass man nur genau genug hinhören musste, um die Lust und den Wahn nach Blut zu hören. Gab es verfluchte Waffen? In seinem Kopf machte Theophylakes sich eine Notiz, seine Gelehrten die unendlichen Archive von Amitatys zu durchsuchen. Vielleicht hatte ja schon mal einer etwas zu diesen Phänomenen gehört?

„Ich habe meine Hetairoi instruiert, Eure Hoheit. Sie werden auf dein Zeichen gemeinsam mit mir die rechte Flanke der battanischen Hunde zerschlagen“, sagte seine Frau Vasilia, als sie bei ihm ankam. Obwohl die Situation ernst war, der Feind vor den Toren der Stadt stand, nahe dem Fluss, und dies die vielleicht letzte Schlacht des jungen Reiches war, konnte sie ein Grinsen nicht unterdrücken. Anscheinend dachte sie ebenfalls an die res gestae, die sie gestern im kaiserlichen Bett begangen hatten. „Gut“, sagte Theophylakes knapp und nickte ihr zu, „ich werde einen flammenden Pfeil nach Norden feuern, wenn du mit deinen Reitern anstürmen sollst.“ Vasilia grinste nun noch breiter. Das machte ihr Gesicht weicher, ihre Augen tiefgründiger und ihre Lippen verführerischer. „Du darfst nun zu deinen Männern gehen und ihnen Gottes Segen spenden. Auch dich möge Gott schützen, meine Basileia.“ Vasilia verbeugte sich. „Und auch dich, Basileios, Herrscher über die Herrschenden.“ Mit einem militärischen Ruck drehte sie sich um und schritt nach Westen zu ihrem Pferd Cadmenos, das in Rüstung gekleidet ruhig und gelassen auf sie wartete. Theophylakes konnte sich nicht helfen: Er schaute ihr auf den Po, während sie davonging.

Basileios?“ Milos grinste ihn schief an, was sein Aussehen nicht gerade verbesserte: Das Schwert eines Abtrünnigen hatte seine Lippe zerteilt, und der Wurfspeer eines Wüstensoldaten bei Husn Fulq hatte ihm ein Ohr zerrissen. Milos, der Chirurg sah mehr aus wie Milos, der Veteran oder Milos, der Gezeichnete. „Wenn Gott will und wir morgen noch leben, kann ich gerne Euer Weib untersuchen, ob es einen Erben in sich trägt.“ Eine Frechheit so etwas über die Basileia zu sagen! „Wenn ich deine Dienste benötige, werde ich es dich wissen lassen, Milos. Doch momentan haben wir wichtigere Sachen zu tun“, sagte der Herrscher der Herrschenden kühl. Milos zuckte mit den Schultern. „Wie Ihr wünschst, mein Herr.“ Theophylakes straffte sich und atmete noch einmal tief durch. Er lockerte seine Schultern und ruckte seinen Kopf zur linken und rechten Seite, sodass es laut und deutlich knackte. „Wo ist Nathanos, mein Bruder?“, fragte er, um die aufkommende Stille zu überbrücken. Für gewöhnlich ließ er seinem Arzt solche Worte durchgehen, doch heute waren seine Nerven ohnehin bis zum Zerreißen gespannt. Erst in der Schlacht, wenn er sein Schwert schwingen und sich nur auf die funkelnde Spitze konzentrieren würde, würde er zur Ruhe kommen. Locker schulterte Milos seinen schweren Einhandstreitkolben auf seiner Schulter. Obgleich er von Berufswegen ein Arzt und Chirurg war und vielen Soldaten nach der Schlacht das Leben mit seinen Heldentaten in der Medizin rettete, hatten die Soldaten auch für die Waffe seines Gefährten einen Namen: „Menschenschlächter“. Wurde der schwarze Streitkolben erst einmal geschwungen, hieß es, konnte er nicht eher stoppen, bis die Meere mit dem Blut der Feinde doppelt gefüllt seien. Natürlich war das nur Aberglaube. Aber Theophylakes hatte schon dutzende Male die fürchterliche Kraft der Waffe seines Gefährten kennen gelernt. Banditentruppen rannten davon, wenn sie nur von der Waffe des Arztes hörten.

„Er ist wohl auf dem Weg, mein Herr. Heute Morgen noch war er bei bester Gesundheit, nahm ein tüchtiges Frühstück zu sich und betete anschließend zu Gott“, erwiderte er leichthin.
Die Unbekümmertheit regte ihn hingegen noch mehr auf. Nathanos sollte die Buccellarioi in die Schlacht führen. Die Aufgabe der berittenen Bogenschützen bestand darin, die Formationen des Feindes in Unordnung zu bringen, bis Theophylakes mit seinen schwergepanzerten Legionären die Formation aufreiben und den Feind zerschlagen konnte. Unterstützt wurde der Heerführer dabei von den Kataphraktoi seiner Gemahlin. Unzufrieden schnaufte der Herrscher. „Er sollte sich sputen, wenn er nicht den Zorn seines Bruders auf sich ziehen will.“ Milos quittierte diese Äußerung mit einem albernen Glucksen, doch nun ignorierte Theophylakes ihn einfach. Stattdessen ließ er seinen Blick über sein Heerlager wandern.

Er hatte zur Ausnahme auf eine hölzerne Befestigung über Nacht verzichtet. Hinter ihm lag seine majestätische Stadt Amitatys, die im Fall der Fälle genug Schutz geboten hätte. Dennoch hatten einige Rädelsführer hölzerne Zäune um ihren Bereich ziehen lassen. Ein Akt, der zwar Ungehorsam, im Angesicht der Situation jedoch auch Vorsicht und den unbestreitbaren Ernst der Lage ausdrückte. Manchmal, so hatte der junge Herrscher gelernt, war es gut, die Männer ihre eigenen Vorsichtsmaßnahmen treffen zu lassen. Sie hatten zudem nur eine Nacht hier gerastet: Heute sollte die Entscheidungsschlacht in diesem Krieg gegen die Battanier unter ihrem heidnischen Hochkönig Caladog herbeigeführt werden. Noch immer, obwohl der Krieg fast schon drei Monate dauerte, konnte Theophylakes nicht verstehen, warum das Grüne Volk der Wälder und Bogenschützen aus den Bergen weg von ihrem Heiligen See, der ihrem Glauben des Polytheismus nach der Ursprung der Menschen in Calradia war, zu ihm in sein junges Reich gekommen waren. Welchen Nutzen versprach sich der Herr der Immergrünen Wälder davon? Der Basileios hatte einen Verdacht und hatte Siyafan die Wanderin, seine persönliche Geheimagentin, mit dem Nachverfolgen der Spuren beauftragt: Vor einigen Jahren war Theophylakes ein treuer Vasall und Senator von Kaiserin Rhagaea gewesen. Er hatte in vielen Kriegen für sie gefochten: Er hatte die Invasion des Reitervolks der Khuzait abgewehrt, deren Khan Monchug in der Schlacht eigenhändig erschlagen, und dessen Bogen als Triumph mit sich geführt. Anschließend hatte er, ohne zu murren, mit einer angeschlagenen Armee den ungerechten Frieden, den die übermächtigen Reiter aus dem Osten diktierten, akzeptieren müssen, der vorsah, dass die eroberten Gebiete, eigentlich die zurückeroberten Gebiete, wieder an die Khuzait abgetreten werden müssen. Dies sah er als persönlichen Schlag an, da er es gewesen war, der dem Reich aus dem Süden diese Gebietsgewinne eingeholt hatte. Zudem hatte Rhagaea ihre jüngste Tochter als Geisel an den Hof des neuen Khan entsenden müssen, sowie eine jährliche Tributzahlung von 150.000 Denarii zu zahlen. Es versteht sich von selbst, dass in der anschließenden Senatssitzung, die kurzfristig einberufen wurde und an der Theophylakes wegen seiner Verwundungen nicht hatte teilnehmen können, beschlossen wurde, dass er und seine Familie, damals noch die „Vergessene Legion“ genannt, mit 50.000 Denarii den Löwenanteil an diesem Tribut zu zahlen hatten. Ein Protest seines Bruders Nathanos und später von ihm selbst, blieb ungehört. Rhagaea war stets auf seiner Seite gewesen, hatte ihn teils wie einen verlorenen Bruder oder Sohn behandelt, doch nach diesem Friedensschluss war das Verhältnis zwischen ihm und der deutlich älteren Kaiserin unerklärlicherweise abgekühlt. Die Kaiserin war ihm aus dem Weg gegangen, hatte ihn gemieden, wie sie konnte, und offizielle Gesuche abgelehnt. Kurz nach seiner Genesung hatte er einen Marschbefehl nach Amitatys bekommen, das er zusammen mit der Festung Thorios wieder dem rechtmäßigen Reich einverleiben sollte. Garios, der Herrscher des westlichen Reiches, der sich selbst Imperator Circum Orbem Terrarum nannte, hatte diese Gebiete in einem Handstreich vor einigen Jahren erobert und danach einen scheinheiligen Frieden vereinbart, der vor Unverschämtheiten nur so trotzte.

Theophylakes war sich der Unmöglichkeit seiner neuen Aufgabe bewusst, hatte sie dennoch angenommen. Mit seiner Legion und der Legion seines Bruders war er losgezogen, und besiegte in mehreren unbedeutenden Scharmützeln die nutzlosen Verteidigungsanlagen im Östlichen Herzland des Reiches. Garios hatte Kunde von der kommenden Gefahr erhalten und schickte eine Armee mit sechs Legionen los, um Theophylakes und seinen Bruder zu stoppen. In einem ersten Aufeinandertreffen hatte er einen Achtungserfolg erzielen können, doch er wusste, dass er die nächste Schlacht verlieren würde. In diesem Moment war damals Siyafan die Wanderin zu ihm gekommen. Düster und geheimnisvoll hatte sie sich ihm auf einer Waldlichtung gezeigt, eingehüllt in lange Umhänge und mit einer tiefen Kapuze über dem Kopf. Über ihrer Schulter hatte ein mächtiger Bogen gehangen, viel größer als seiner, doch hatte sie ihn nicht gezückt. Stattdessen verriet sie Theophylakes die Schwachstelle der Armee aus dem Westen: Der Kavalleriekommandant war ein übler Trinker. Wenn es Theophylakes noch in dieser Nacht gelingen sollte, ihm Gift in seinen Wein zu mischen, würde in der morgigen Schlacht heilloses Chaos in der feindlichen Armee herrschen. Es gäbe außer diesem Säufer keinen, der mit der Kavallerie so gut umzugehen verstehe. Dankend hatte der Heerführer der Vergessenen Legion sich zurückgezogen und seinen Agenten den entsprechenden Auftrag gegeben. Es verwunderte Theophylakes aber sehr bei der Rückkehr seiner Männer zu hören, dass die Tat bereits begangen worden sei. War es damals schon Siyafan gewesen? Die Schlacht am folgenden Tag lief wie von der unbekannten Helferin angekündigt: Die feindliche Kavallerie wusste weder vor noch zurück und Nathanos und Vasilia, damals noch eine junge Adjutantin, konnten sie mit ihren Hetairoi zerschlagen. Als sich die feindliche Armee den Legionären Theophylakes´ und den schwergepanzerten Kataphraktoi gegenübersah, ergaben sie sich und schlossen sich nach kurzer Verhandlung bereitwillig der Vergessenen Legion an. So waren aus zwei Legionen zu Beginn acht geworden. Die Stadt Amitatys ergab sich bereitwillig, als sie die Armee am Horizont erscheinen sah. Die goldenen Schlüssel der Stadt wurden Theophylakes überreicht, und die Soldaten bezogen friedlich Quartier in den Kasernen und Wachstuben der Stadt. Kleinere Reibereien gab es nur im Tavernenviertel. Am nächsten Morgen musste Theophylakes einen Soldaten aus der Reihe der Hilfstruppen hinrichten, sowie einen Legionär Reparationen bezahlen lassen. Dennoch war es im Allgemeinen eine friedliche Übernahme.
Lediglich die Bergfestung Thorios hielt Stand und konnte erst nach dreiwöchiger Belagerung im Sturm genommen werden. Nach altem Kriegsrecht durfte eine Stadt oder Burg, die im Sturm erobert wurde, geplündert werden, und Angesichts der Strapazen, die seine Männer während der Belagerung und des Kampfes erleiden mussten, ließ er ihnen freie Hand. Drei Tage und drei Nächte plünderten seine sechs Legionen – zwei hatte er als Garnison in Amitatys gelassen – die Festung. Danach begann der Wiederaufbau. Der Auftakt zu einer langen Folge von Überraschungen begann direkt am Morgen nach den Plünderungen: Neben dem Kopfkissen Theophylakes´ lag ein warmer Laib Brot. Auf dem Laib Brot war ein Zettel mit einem langen Messer aufgespießt worden. In sauberer Handschrift stand darauf: „Dafür half ich dir nicht, Gotteswächter!“ Das schlechte Gewissen plagte den künftigen Basileios, wusste er doch, dass der Zettel von Siyafan geschrieben war. Doch für lange Gewissensbisse blieb ihm keine Zeit: Als er nach wenigen Tagen wieder nach Amitatys zurückkehrte, wartete dort bereits ein kaiserlicher Botschafter auf ihn. Hatte Theophylakes erwartet für seine Taten gelobt und gerühmt zu werden, wurde er bitter enttäuscht: Das Südliche Reich unter der Kaiserin Rhagaea sah ihn nun als Abtrünnigen an, der unrechtmäßig Amitatys und Thorios unter seine Tyrannei zwinge. Wenn er nicht binnen fünf Tagen die Waffen strecke und sich und seine Familie der Gnade der Kaiserin und des Senats von Danustica auslieferte, würden die Legionen sein Richter sein.

Es musste ein Missverständnis, ein Irrtum, ein grotesker, perverser Witz sein! Doch der Bote, ein alter, blinder Senator, war unmissverständlich: Theophylakes hatte seine Legionen dem Senat und der Kaiserin zu übergeben, sich selbst zu entkleiden, Asche über sein Haupt zu streuen und um die Gnade des Volkes, des Senats und der Kaiserin zu bitten. Wenige Tage danach war der abgetrennte Kopf des Senators als Antwort auf einem goldenen Tablett an den Senat von Danustica gesendet worden. Milos hatte den Kopf damals noch geschminkt und ihm Bleiche aufgetragen. Damit die Augen stets geöffnet blieben und ein ewig höhnisches Grinsen auf den Senat hinabblickte, schnitt der Chirurg dem Toten die Augenlider und Lippen ab. Gleichzeitig hatte Theophylakes seine Legionen in Marsch gesetzt und unter seinem Befehl wenige Wochen später Lycaron, die größte Stadt am Fuße des Gebirges Zyklopenwerk erobert.

Dies war die Entstehungsgeschichte seines Reiches, des Theophylakischen Imperium, mit ihm selbst als Basileios, Herrscher über die Herrschenden. Seinen Bruder Nathanos hatte er zu Kaisar ernannt: Er wurde somit sein engster Berater und Stellvertreter, wenn er selbst nicht zugegen war. Nathanos musste von niemandem Befehle annehmen, außer von Theophylakes selbst. Warum er als jüngerer Bruder Herrscher wurde, blieb ein Geheimnis zwischen Nathanos und Theophylakes.

Der Grund also, zumindest vermutete der Basileios so, dass Caladog mit einer riesigen Armee aus den Bergen bis zu ihm ans nördliche Herzland des Reiches marschiert war, könnte sein, dass Rhagaea und der Senat von Danustica ihm viele Versprechungen und Goldgeschenke gemacht hatten, und noch mehr machen würden, wenn er den abtrünnigen General besiegte. Doch bislang fehlten die Beweise. Theophylakes war sich jedoch sicher, dass Siyafan sie finden würde. Wie Siyafan letztendlich seine Oberste Geheimagentin wurde, war eine wirklich komische Geschichte, die momentan allerdings keinen Platz in dem Kopf des Herrschers hatte.

Seine Männer trugen bereits ihre Rüstungen. Waffen, Schilde und Bögen waren bereit. Manch einer erging sich in letzten Waffenübungen, andere hatten sich in scheinbarer Entspannung zu einem Würfelspiel zusammengesetzt und lachten hysterisch und laut über die schlechten Witze ihrer Kameraden. Das geschäftige Treiben, das ein Heer vor der Schlacht in Bewegung hält, war hier schon vollbracht. Jeder merkte, dass es bald beginnen würde. Wenn diese Schlacht verloren war, wenn diese Männer heute verlieren würden, wäre die gesamte Streitmacht seines jungen Reiches vernichtet. Keine Mauer, weder die mächtigen Trutzmauern mit ihren dicken Türmen von Amitatys, noch die der Bergfestung Thorios oder die eher zweckdienlichen, schmucklosen der Handels- und Farmerstadt Lycaron würden den Niedergang des Theophylakischen Reiches stoppen können. Seinen acht Legionen, insgesamt rund 8.000 Mann, standen nach den Schätzungen seiner Spione 25.000 battanische Soldaten gegenüber. Konnten sie überhaupt gewinnen? Würde ihre überlegen Ausbildung, ihre perfekte Ausrüstung, ihre Disziplin und ihre schlacht- und blutgeschmiedete Kameradschaft diese Überzahl wettmachen können? Sie musste! Und das würde der Basileios ihnen jetzt sagen. Er legte seinen roten, herrschaftlichen Mantel an. Zwei seiner Leibwächter ließ er einen Tisch aus dem Kommandozelt bringen. Sie ächzten, als sie den schweren Tisch aus massivem Holz zu ihm trugen. Er nickte ihnen dankbar zu, und sprang kurzerhand darauf. Sollte er sich nicht noch eine Rede überlegen? Feingeschliffene Rhetorik anwenden, wie er sie in Onira gelernt hatte, anwenden, um den Kampfgeist seiner Männer anzuheizen? Nein.

„Männer!“, rief er knapp. Er hatte die Stimme erhoben, aber nicht so weit, dass es ihn zu sehr belasten würde, zu reden. Er musste in der kommenden Schlacht noch genug Befehle brüllen. „Hört mich an!“ Langsam kamen die Männer zusammen. Die nervösen waren dankbar für die Ablenkung, die übenden schauten grimmig und entschlossen und die spielenden verstauten ihre Utensilien und kamen zu einer Traube zusammen. Vor ihm standen seine Legionäre und Toxotai, die Männer, die er in der Schlacht befehlen würde. Seine Gemahlin und sein Bruder würden die anderen Truppen befehlen. Ihm standen knapp 6.000 Mann, davon 4.000 Legionäre zur Verfügung. „Hört mich an!“, wiederholte er und endlich hatte er die Aufmerksamkeit aller.

„Uns wurde großes Unrecht getan! Wir führten Befehle aus, wie es stets von uns verlangt wurde. Wir führten Befehle aus, wie wir es gewohnt waren. Ungewöhnlich war, dass wir unsere Befehle besser ausführten, als es jemand für nötig gehalten hätte. Schon damals, als wir noch im Geiste getrennt, aber im Herzen schon alle Brüder waren, war unser Scheitern geplant! Ja! Damals sollten wir sterben. Doch wir widersetzten uns, und missachteten das erste Mal in unserem Leben unsere Befehle. Und wir fingen an zu denken. Und wir merkten, dass wir Brüder sind!“ Er hatte die Männer gefesselt. Nun galt es, den Kampfesmut zu wecken. „Brüder beim Fressen, beim Saufen, beim Würfelspiel und beim Ficken!“ Johlendes Gelächter und Applaus brandete ihm ob seiner lapidaren Worte entgegen und er quittierte sie mit einem schiefen Grinsen. „Aber“, rief er gegen das anhaltende Gelächter an und versuchte so die Menge zu beruhigen, „aber! Was noch wichtiger ist: Wir sind Brüder im Geist, wir sind Brüder im Herzen und wir sind Brüder in der Schlacht!“ Und aus dem Gelächter wurde ohrenbetäubender Jubel. Männer grölten ihre Zustimmung, andere droschen mit ihrem Schwertknauf auf ihre Schilde, während andere klatschten und pfiffen. „Wir sind Brüder unter Waffen“, rief er, „wir beschützen uns: Im Schildwall, um den feindlichen Ansturm abzuwehren, beschützen wir unsere Toxotai, damit sie den Feind für uns mit ihrem Pfeilen vernichten!“ Der Applaus verebbte und viele nickten, einige riefen Zustimmungen dazwischen. Zeit für den nächsten Lacher: „Der Feind hat keinen Schimmer, auf was für einen eingeschworenen Haufen er sich eingelassen hat!“ Die Anspannung entwich wieder ohrenbetäubendem Gelächter. Er ließ sie gewähren. Aus dem Augenwinkel vernahm er, dass ein Späher eilig auf ihn zulief. Seiner Miene nach zu urteilen, ließ Caladog aufmarschieren. Nach wenigen Sekunden hob Theopyhlakes die Hand. Augenblicklich trat Ruhe ein. „Ich verlasse mich auf euch, Männer“, rief er leise, versöhnlich, vertraut, „nur wir stehen hier, um Recht von Unrecht zu unterscheiden, um Barbaren davon abzuhalten unsere schöne Stadt zu plündern, unsere Kinder zu fressen und Frauen zu schänden. Wir sind das Schild Gottes! Er hat uns die Aufgabe anvertraut, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Er musste nun zum Abschluss kommen. Der Bote war nur noch wenige Schritt von ihm entfernt. „Und wir werden Gottes Aufgabe erfüllen!“, rief er aus vollem Hals und forderte so die Menge auf ihm zuzustimmen, „denn wir sind Gottes Diener, und wir erledigen unsere Aufgaben, wie wir es gelernt haben, wie wir es können: Als die Besten der Besten!“

Glaubte Theophylakes, dass der Jubel zuvor schon nicht mehr lauter werden könnte, hatte er sich getäuscht: Seine Ohren juckten und begannen kurz danach zu rauschen, dann zu klingeln. Der Jubel brandete ihm wie eine warme Welle entgegen, die ihn umspülte. Er grinste. „Ihr wisst, was zu tun ist, meine Gefährten, meine Brüder!“ Mit diesen Worten stieg er vom Tisch, begleitet von Ovationen und Jubelrufen.

Der Bote, ein gehetzt aussehender, dürrer, junger Mann mit Stoppelbart deutete eine Verbeugung an. „Eure Hoheit, verzeiht, wenn ich Euch nicht den gebührenden Respekt erweisen kann-“
„Sprich, Bote, die Zeit scheint zu drängen“, sagte Theophylakes knapp. Erleichtert nickte der Bote. „Ihr habt Recht. Die feindliche Armee hat sich formiert und ist in Bewegung. Wie Ihr erwartet habt, hat Caladog seine schwere Reiterei auf unsere rechen Flanke platziert. Die Plänklerkavallerie auf unserer linken.“ Der Basileios nickte. Das hatte er in der Tat so erwartet. Es war ein Standardvorgehen gegen die Kataphraktoi des Reiches, dass leichte, schnelle Plänkler sie zermürben sollten. „Gib Anweisung, dass die Hälfte unserer Buccellarioi mit der Hälfte der Kataphraktoi tauschen sollen.“ Der Bote nickte. „Hast du auf deinem Weg hierher den Kaisar Nathanos gesehen?“ Der Bote schüttelte den Kopf. „Wie heißt du, mein Junge?“ Irritiert blinzelte der Bote. „Angelos, Eure Hoheit.“ „In Ordnung, Angelos, höre: Führe die Befehle aus, die ich dir auftrug. Danach suchst du meinen Bruder. Wenn du ihn findest, sagst du ihm Folgendes: Liebster Bruder, ich erwarte, dass du mich nach der Schlacht genauso begrüßt, wie du es nach allen anderen Schlachten getan hast. Du hast einige Kataphraktoi bei dir, dafür aber die Hälfte deiner Buccellarioi einbüßen müssen. Du kennst unsere Absprache. Möge Gott mit dir sein!“ Theophylakes musterte Angelos kurz. Er schien einen hellen Kopf und eine schnelle Auffassungsgabe zu haben. Vielleicht sollte er ihn im Auge behalten. „Hast du alles verstanden?“ „Ja, Herr.“ Er nickte. „Dann los! Ach, noch was! Sag ihm noch: Wenn du das nächste Mal meine Ansprache versäumst, wirst du dich drei Wochen um Phasos und Alea kümmern müssen! Vater und Mutter haben ein Auge auf uns!“ Sichtlich irritiert und auch etwas verwirrt nickte der Bote, rannte zu seinem Pferd und ritt davon.

Theophylakes atmete tief durch. Die Zeit der Worte war nun vorbei. Nun galt es Bogen und Schwert zu nutzen. „Das waren aufmunternde Worte, mein Freund“, sagte Milos und nutzte die vertrauliche Ansprache. Erschrocken drehte sich der Basileios um. „Ich hatte dich ganz vergessen.“ Milos grinste vieldeutig. „Das sollte dir nicht zu oft passieren… Herrscher der Herrschenden. Du hast die richtigen Worte gefunden. Nun ist es an uns, die Lücken in den Reihen Caladogs zu finden.“ Gelassen ließ er seinen schwarzen Streitkolben durch die Luft sausen. „Oh, welch ein schöner Tag“, sagte er verträumt, „welch ein schöner, sonniger, roter Tag.“ Dabei stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht und er blickte versonnen der wirbelnden Spitze seines Streitkolbens nach. Nun erkannte Theophylakes es genau: Er hatte seine Zähne angespitzt! Welch ein Irrsinn?! „Milos“, sagte er unsicher, „was ist mit deinen Zähnen?“ Erneut gluckste der Mediziner. „Eine kleine, optische Verbesserung“, säuselte er versonnen, „aber haben wir nicht besseres zu tun, als uns um das stärkste Werkzeug des menschlichen Körpers zu kümmern, beziehungsweise darüber zu plaudern?“
Eines Tages, dachte Theophylakes, wird es furchtbar gefährlich mit diesem Mann werden. Gott möge mich beschützen. Vor Freund und Feind.

Doch nicht jetzt, nicht heute. „Du hast Recht, Freund“, sagte er selbstsicher, „es gibt Arbeit zu erledigen.“ Er lockerte die Pfeile in seinem Köcher, überprüfte ein letztes Mal die Bogensehne und zog probehalber seinen Zweihänder aus der Schwertscheide auf dem Rücken. Entschlossenen Schrittes ging er los, um an der Zukunft seines Reiches zu arbeiten.




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