Königreich Kastilien
Die Grenzmark, der Griff nach Aragon und die alte Fehde mit dem Franzosenkönig
Aufzeichnung aus dem Tagebuch des Herzogs von Cuenca1. März 1337, ich sitze heute in meiner Burg nahe der aragonesischen GrenzeZwanzig Jahre diene ich nun der Krone, seitdem mein Vater verstarb, und noch immer schläft mein Schwert nicht ruhig in der Scheide. Als Herzog Cuencas sehe ich täglich, wohin der Blick unseres Königs wandert, und es ist nicht allein nach Süden. Alfons hat die Zügel des Reiches fest in die Hand genommen und schaut nun ebenso gierig nach Osten wie nach Süden. Aragon unser mit Abstand größter Rivale, hütet eifersüchtig seine Häfen am Mittelmeer, seine Handelswege nach Sizilien und Sardinien, seine stolze Flotte. Unter uns Herzögen und unseren Vasallen flüstert man, dass Kastilien nicht ewig zusehen wird, wie ein anderer iberischer König die See beherrscht, während wir uns zusammen mit unseren Brüdern im Osten mit dem rauen Atlantik begnügen. Wehe Aragon, sollte es in Schwäche verfallen, wir werden nicht zögern, unseren Anteil am Mittelmeer einzufordern.
Von Frankreich hört man in meiner Halle wenig und noch weniger kümmert es unseren König. Während die Lilienkönige sich mit den Engländern streiten und ihr Reich in Fehden zu zerreißen droht, wendet Alfons dem Norden kaum einen Blick zu. Was schert es uns, wer in Paris sitzt, solange die Grenzen zu Navarra und Aragon ruhig bleiben? Kastiliens Schicksal, so sage ich meinen Söhnen, wird nicht in den Feldern Flanderns entschieden, sondern hier, an den roten Erdwälle und den blauen Wassern des Mittelmeers.Die Reconquista, ein möglicher Handel mit Marokko und das Brudervolk am AtlantikGedanken und Gespräche am Hofe
Seit den Tagen Fernandos III., des Heiligen, der Córdoba und Sevilla bezwang, ist der Weg nach Süden das Herzstück kastilischer Politik. Granada, das letzte muslimische Reich auf iberischem Boden, bleibt das eigentliche und unabänderliche Ziel der Reconquista. Doch jenseits der Meerenge, in Marokko, sitzen die Sultane der Marinieden, deren Heere immer wieder nach Al-Andalus übersetzen, um Granada beizustehen. Manche am Hofe raten daher zu einem Handel mit eben diesen Mauren aus Afrika: Frieden und freies Geleit gegen ihr Versprechen, sich aus den Kämpfen auf iberischem Boden herauszuhalten. Man könne Granada später und ungestört bezwingen, wenn Kastilien im Osten Aragon bezwungen hat und nicht zugleich an zwei Fronten kämpfen muss.
Ganz anders steht es um Portugal. Mit unseren Vettern im Westen verbindet uns nicht bloß Waffenbrüderschaft, sondern dasselbe Blut: Beide Königshäuser entstammen dem Hause Burgund, das einst durch die Töchter Alfons' VI. von Kastilien-León nach Iberien kam. Während unsere Linie über Urraca und deren Sohn fortbesteht, gründete die Halbschwester Theresia mit ihrem Gemahl Heinrich von Burgund jene Linie, aus der Portugal selbst hervorging. So sitzen auf beiden Thronen, in Toledo wie in Lissabon, Vettern eines gemeinsamen burgundischen Stammes, unsere Herrscher sind nicht nur Waffenbrüder im Kampf gegen den Halbmond, sondern Blutsverwandte. Dynastische Bande, gemeinsame Feldzüge und der geteilte Traum von der Vollendung der Reconquista auf iberischem Boden machen aus dem Nachbarn im Westen einen natürlichen Verbündeten, nicht einen Gegner.
Der Griff nach dem Mittelmeer – Gedanken König Alfonsos XI.Aragon und Catalunya, nicht Granada allein, sind mein eigentliches Ziel. Aragon mag stolz sein auf seine Flotten und seine Kronländer von Barcelona bis Neapel, doch mein Reich wächst, und mit ihm mein Anspruch auf die Häfen des Ostens. Die Inseln der aragonesischen Krone – Mallorca allen voran, vielleicht dereinst auch Sardinien, wären mir keine bloße Beute, sondern eine Basis: von dort aus ließe sich meine Macht ins ganze Mittelmeer tragen, weit über das hinaus, was der Landweg je erlauben würde. Sollte sich je die Gelegenheit bieten, sei es aufgrund eines Erbstreit, einer geschwächte Krone, eines Bündnis, werde ich nicht zögern, nach Catalunya und den Inseln zu greifen. Mit den Mauren aus Afrika mag derweil ein anderer Friede genügen, solange Granada mir gewiss bleibt und mein Blick sich ungehindert nach Osten richten kann. Und an meiner Seite weiß ich meinen Vetter in Lissabon, mit dem mich mehr verbindet als nur die gemeinsame Grenze.